Literatur und Gewalt : Jeder geschlossene Raum ist ein Sarg

Das Deutsche Literaturarchiv in Marbach widmet sich mit einer großen Ausstellung dem Thema des verbotenen Schreibens. Zu sehen sind Kassiber aus einer zweitausend Jahre zurückreichenden Kulturgeschichte - unter anderem von Ovid, de Sade, Oscar Wilde, Ezra Pound, Gudrun Ensslin und Liao Yiwu

von

Das Wort Kassiber stammt aus dem Jiddischen und bedeutet ursprünglich so viel wie Geschriebenes. Es ist dann in die Gaunersprache eingewandert, wo es eine geheime Mitteilung eines Gefangenen an andere Gefangene oder aus dem Gefängnis heraus an die Außenwelt bezeichnet. Jetzt widmet das Marbacher Literaturmuseum der Moderne diesem „verbotenen Schreiben“ eine Ausstellung, die gemeinsam mit dem deutschen PEN-Zentrum und dessen Programm „Writers in Prison – Writers in Exile“ konzipiert ist.

Aber gehört, was hinter Gittern geschrieben wurde, deswegen schon in ein Literaturmuseum? Sind Kassiber Kunst, gar große Literatur? Helga und Ulrich Raulff, die Initiatoren der Marbacher Ausstellung, stellen sich diese Frage selbst im Vorwort zum Ausstellungskatalog und sprechen damit die Risiken und Unschärfen ihres Projekts an. Ihr Ansatz ist eher ein kulturgeschichtlicher als ein literaturwissenschaftlicher. Über die literarische Qualität der ausgestellten Stücke soll so wenig geurteilt werden wie über die Schuld oder Unschuld derjenigen, die da im Gefängnis schreiben. Man deute den Begriff „Kassiber“ als Metapher für eine „Situation existenzieller Bedrückung“, so Ulrich Raulff, der Direktor des Deutschen Literaturarchivs, verstehe die Ausstellung als einen Beitrag zur „Mediengeschichte des Schreibens“, wolle viele einzelne Geschichten erzählen, aber keine Rührstücke inszenieren. Es gehe um die „transzendierende Kraft der Sprache“ unter extremen Bedingungen, um die „Erfahrung eines inneren Raums“, der sich für die Inhaftierten eröffnet habe, nachdem ihnen die äußere Bewegungsfreiheit genommen worden sei.

Ulrich Raulff hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass sein Geschichtsverständnis stark vom französischen Strukturalismus geprägt ist. Deshalb überrascht es nicht, dass die Ausstellung nicht nach inhaltlichen Aspekten, nach historischen Epochen oder politischen Systemen gegliedert ist, sondern formale Kategorien als Ordnungsschemata benutzt. In zehn Kapiteln werden unter Stichworten wie „Maskiert“, „Geschmuggelt“, „Im Käfig“, „Nullpunkt“ oder „Der unsichtbare Raum“ originale Handschriften aus dem Marbacher Literaturarchiv, aber häufiger als in früheren Ausstellungen auch Leihgaben anderer Sammlungen und Faksimiles gezeigt.

Präsentiert werden die Stücke in schwarzen, vergitterten Schaukästen, die nur durch schmale Öffnungen einen Blick wie durchs Schlüsselloch auf die verbotenen Schriften preisgeben. Dadurch, sagt die Museumsleiterin Heike Gfrereis, solle die Atmosphäre jener absoluten Reduktion spürbar werden, die im Gefängnis herrscht.

Man will also auf die strukturellen Gemeinsamkeiten hinweisen zwischen den „Tristia“ des römischen Dichters Ovid, die dieser vor zwei Jahrtausenden in seiner Verbannung am Schwarzen Meer verfasst haben soll, den „120 Tagen von Sodom“, die der Marquis de Sade 1785 als Gefangener in der Pariser Bastille niedergeschrieben hat, Fjodor Dostojewskis „Aus einem Totenhaus“, Oscar Wildes „De profundis“, Ezra Pounds „Pisaner Gesängen“, den Aufzeichnungen von Inhaftierten der nationalsozialistischen und stalinistischen Lager und den Kassibern der RAF in Stuttgart-Stammheim.

Das führt dazu, dass aus dem Gefängnis geschmuggelte Briefe von Widerstandskämpfern gegen das NS-Regime wie Helmuth James von Moltke, Dietrich Bonhoeffer oder Hans von Dohnanyi auf die Notizen des NS-Juristen Carl Schmitt treffen, die dieser 1946 in einem amerikanischen Internierungslager gemacht hat. Die Sozialistin Rosa Luxemburg und der rechtsradikale Freikorps-Kämpfer Ernst von Salomon, der von den Amerikanern in Pisa in einem Käfig festgehaltene Mussolini-Fan Ezra Pound und der im DDR-Zuchthaus Bautzen eingesperrte Walter Kempowski, der Abschiedsbrief des von den deutschen Besatzern in Frankreich 1941 erschossenen 17-jährigen Widerstandskämpfers Guy Môquet und eine Postkarte der RAF-Terroristin Gudrun Ensslin aus der Justizvollzugsanstalt Frankfurt-Preungesheim – in den Katakomben des Marbacher Museums sind sie friedlich vereint. In diesem Reigen fehlt nur noch Hitlers Pamphlet „Mein Kampf“, das bekanntlich auch während einer, allerdings ziemlichen milden, Festungshaft verfasst wurde.

Diese wertfreie strukturalistische Perspektive auf das Schreiben im Gefängnis, so versichern die Ausstellungsmacher Helga und Ulrich Raulff, sei kein Ausdruck von historischem Relativismus und politischer Indifferenz: „Wer Schriften von Terroristen ausstellt, muss nicht den Terrorismus billigen, wer Medien zeigt, nicht deren message bejahen.“ Sicher nicht. Aber wer jenseits aller historischen Epochen nur den Blick auf die Gemeinsamkeiten über die Jahrhunderte hinweg richtet und nicht auch auf die Unterschiede, der wird den geschichtlichen Zeugnissen nicht wirklich gerecht.

Abgesehen davon, dass einige Altphilologen bezweifeln, ob Ovid seine „Tristia“ im Exil geschrieben oder nicht vielmehr in ihnen lediglich ein literarisches Rollenspiel betrieben hat, kann man eine Verbannung im antiken römischen Reich schlecht mit einem modernen Gefängnis oder gar einem Konzentrationslager vergleichen. Wenn Michel Foucault und Giorgio Agamben recht haben, dann ist das Gefängnis eine Erfindung der Moderne. Die Vormoderne hatte ein ausgeklügeltes System von körperlichen Strafen, erst in der Moderne wird die Internierung, wird das Lager zum biopolitischen Modell der sozialen Disziplinierung. Diese Unterschiede dürften auch in einer Ausstellung über verbotenes Schreiben nicht verwischt werden.

Wie solch ein verbotenes Schreiben heute aussieht, zeigt der vom deutschen PEN-Zentrum gestaltete Raum in der Marbacher Schau, der überwiegend zeitgenössischen Autoren aus dem Iran, Kuba, der Türkei und China gewidmet ist. Im Mittelpunkt stehen zehn eng beschriebene Manuskriptseiten, die der chinesische Schriftsteller Liao Yiwu zwischen 1992 und 1994 im Provinzgefängnis von Dazhu vollgekritzelt hat. Seit einem Jahr lebt der Dissident in Deutschland, am Sonntag wird ihm in der Frankfurter Paulskirche der Friedenspreis des deutschen Buchhandels verliehen.

Deutsches Literaturarchiv Marbach, bis 27. Januar. Der Katalog kostet 28 Euro.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben