Die Popkultur ist ärmer an Kunstfertigkeit und kultureller Erinnerung

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Literatur und Theater in der Krise : Wenn Kultur Müll ist
Hans-Dieter Gelfert

Wenn das Erscheinen des neuen Albums einer Rockgruppe in den Abendnachrichten mitgeteilt wird, braucht sich niemand mehr zu schämen, wenn er sich lieber von einem Popkonzert unterhalten lässt als von einer in der Regel verhunzten Shakespeare-Komödie. Wie konnte Verhunzung überhaupt zum Prinzip des heutigen Regietheaters werden, während doch das Publikum der klassischen Musik auf dem Gegenteil, auf absoluter Werktreue besteht?

Das lässt sich wohl nur so erklären, dass die Sprache der Literatur ein Medium ist, in dem sich alle tummeln, während die Sprache der klassischen Musik nur von einer Bildungselite verstanden wird, die ihr Privileg hartnäckig verteidigt. Das Konzertpublikum erwartet Musik, die den hohen Ansprüchen genügt, die sich durch Tradition entwickelt haben. Das Theaterpublikum dagegen will unterhalten werden.

Es wäre Zeit für eine neue Renaissance

Die Kriterien dafür sind Neuartigkeit, der Reiz des Schockierenden und vor allem der ansteckende Beifall eines Massenpublikums, also das, was die Trivialisierung unserer gesamten Alltagskultur unaufhaltsam vorantreibt. Deshalb wird auch die Bastion der klassischen Musik allmählich wie Polareis wegschmelzen. Weggeschmolzen ist bereits die Basis der Musik, das Volksliedgut, das heute kaum noch ein Schulkind kennenlernt.

Hier stellt sich die heikle Frage: Ist zeitgenössische Popkultur nicht authentischer als Volkslieder, denen seit der NS-Zeit das Stigma des Völkischen anhaftet? Und ist sie nicht lebendiger als die im Grunde abgestorbene und nur mit hohem Subventionsaufwand künstlich am Leben erhaltene Klassik?

Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz.
Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz.Foto: dpa

Vielleicht ist sie beides, auf jeden Fall aber ist sie ärmer, und das in zweifacher Hinsicht: ärmer an Kunstfertigkeit und ärmer an kultureller Erinnerung. Es wäre eigentlich an der Zeit, dass nach den vier oder fünf Renaissancen, die es im Abendland gegeben hat, eine neue käme, die die ungebremst davon galoppierende Avantgarde wieder an die Tradition bindet. Das umstrittene Buch „Der Kulturinfarkt“, das vorschlug, die Hälfte aller Kultureinrichtungen abzuschaffen und stattdessen die verbleibende Hälfte besser zu fördern, legte den Finger auf die Wunde, wollte sie aber mit der alten Salbe kurieren.

Was nützt die Förderung von Eliteuniversitäten, Eliteorchestern und Elitemuseen, wenn diese Spitzen sich im Rennen immer weiter vom Tross entfernen? So wie die allgemeinen Bildungsprobleme nicht bei den Eliteuniversitäten, sondern im Kindergarten angepackt werden müssten, so muss die kulturelle Bildung dort ansetzen, wo der abgehängte Bürger das Rennen aufgegeben hat. Das A und O der Kulturpflege muss deshalb die Vermittlung sein: zum einen zwischen Gegenwart und Vergangenheit, zum anderen zwischen der kreativen Spitzengruppe und dem Rest der Gesellschaft. Und die Literaturwissenschaftler sollten sich bewusst machen, dass es die Literatur auch ohne sie gäbe, aber nicht ohne ein literarisch interessiertes Publikum.

Der Autor ist emeritierter Professor für englische Literatur und Landeskunde an der Freien Universität Berlin.

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