Kultur : Literatur unter Freunden

Norbert Miller zum 70. Geburtstag

Jutta Müller-Tamm

Bei Norbert Miller hat man nicht studiert, man hat bei ihm gehört. Wer ihn je in Vorträgen oder Lehrveranstaltungen erleben durfte, weiß, was gemeint ist: die unvergleichliche Präsenz der gesprochenen Sprache, die Verlebendigung des literarischen Worts, die Verwandlung der Literatur in ein sinnliches Erlebnis. In jedem nur denkbaren Sinn kam und kommt bei Norbert Miller, der heute in Berlin seinen 70. Geburtstag feiert, Dichtung zur Sprache und damit zu sich selbst.

Fast vier Jahrzehnte hat der vielfach preisgekrönte Literatur-, Kunst- und Musikwissenschaftler an der TU Berlin gelehrt und geforscht. In allen Weltgegenden des akademischen und kulturellen Betriebs wie in den Gegenwelten der Kunst war und ist Norbert Miller gleichermaßen heimisch: als Editor und Zeitschriftenherausgeber etwa, als Musikkritiker und Mitglied verschiedener Akademien, als Juror literarischer Preise und leidenschaftlicher Hochschulpolitiker. Er wurde als charismatischer Lehrer geschätzt, weil es ihm, dem Anti-Didaktiker, um die Sache zu tun war, nein: nicht die Sache, noch nicht einmal um die Literatur, die Kunst, die Musik, sondern immer um dieses besondere Werk, dem er sich gerade widmete und über das er sich austauschen wollte. Noch seine Aufsätze und Bücher leben von der Leichtigkeit des Gesprächs unter Freunden. Wenn man unverhofft in sein Büro kam (man war immer willkommen), konnte man ihn, bei Opernmusik wandelnd und Aufsätze diktierend, antreffen. Der Gewinn dieser schönen Praxis (für den Leser) war einer der Erkenntnis; sie scheint jedenfalls verantwortlich für jene rhythmisch biegsamen Fügungen, jene plastischen Wendungen, jene schwebend ihren Gegenstand treffenden, ihn wahrhaft aufschließenden Formulierungen, die für sein Schreiben so charakteristisch sind.

Die Bandbreite von Norbert Millers Tätigkeiten wird lediglich noch überboten durch die Fülle der von ihm behandelten Themen und Gegenstände: ägyptische Sphingen, venezianische Stichwerke, englische Landschaftsgärten, europäische Operndichtungen, lateinische Komödien, deutsche Lyrik der Gegenwart. In seinem wissenschaftlichen Oeuvre steht der Kanon neben der Unterhaltungsliteratur, die klassische Tradition verbindet sich mit der aktuellsten Literaturproduktion. Norbert Miller hat uns Goethe in Italien nähergebracht, Jean Paul zu lesen gegeben, Piranesi und Walpole erklärt. Er hat die zwielichtigen Gegenden der Literatur – die Traumwelten, Zauberreiche und künstlichen Paradiese – auf unnachahmliche Weise erhellt. Wir hoffen auf weitere Entdeckungen aus diesen Gefilden der Dichtung.

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