Literatur : Wer leben darf und wer nicht

Zwischen Fakten und Fiktion: Steve Sam-Sandbergs Ghettoroman „Die Elenden von Lodz“. Es ist ein Geniestreich, ein bedrückendes und erschütterndes Buch

Martin Lüdke

Es gibt Situationen, die dem Menschen die Sprache verschlagen, und solche, vor denen die Sprache versagt. Und es gibt Literatur, die auch das Verstummen beschreiben kann. Zum Beispiel die des schwedischen Journalisten Steve Sem-Sandberg, der Schriftsteller geworden ist. Mehr als 100 000 der neun Millionen Schweden haben seinen im Original 2009 erschienenen Roman „Die Elenden von Lodz“ gekauft. Dabei handelt es sich um große Literatur. Allerdings auch spannend bis zum Ende, obwohl der Ausgang von Anfang an feststeht.

„Mir fällt zu Hitler nichts ein.“ Mit dieser starken Behauptung begann Karl Kraus „Die dritte Walpurgisnacht“, seine 1933 geschriebene und immerhin 300 Seiten umfassende Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Es war sein Versuch, sich über die Sprachlosigkeit angesichts des aufgezogenen „Übels“ Rechenschaft abzulegen. Ein ähnlicher Gedanke hatte Adorno zu seiner viel geschmähten Aussage bewogen: „Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch, und das frisst auch die Erkenntnis an, die ausspricht, warum es heute unmöglich ward, Gedichte zu schreiben.“

Steve Sam-Sandberg wurde 1958 in Oslo geboren. Bereits 1976 veröffentlichte er seinen ersten Roman. Lange Jahre leitete er den Kulturteil des „Svenska Dagbladet“. Mittlerweile sind über 15 Bücher von ihm erschienen, darunter 1996 „Theres“, ein Roman über Ulrike Meinhof, der nächstes Jahr bei Klett-Cotta erscheint. 2009 kamen „Die Elenden von Lodz“ heraus – keine Dokumentation, auch kein Dokumentarroman, obwohl sich Sem-Sandberg, wo immer möglich, auf dokumentarisches Material stützt, vor allem auf die mehrere tausend Seiten umfassende Chronik des Ghettos von Lodz.

Er verwandelt die Fakten in Fiktion, in eine Art „Real-Fiktion“. Denn „Die Elenden von Lodz“ beschreiben etwas, was sich nicht beschreiben lässt. Sem-Sandberg rekonstruiert aus dem vorhandenen Material die Geschichte. Sein Verfahren ähnelt dem Sartres in dessen Flaubert-Studie „Der Idiot der Familie“. Auch Sartre überbrückte fehlende Fakten durch Fiktion, mit Hilfe einer Konstruktion, die er „Totalisierung“ nannte. Ebenso transparent geht Sem-Sandberg vor.

Es gibt ein Foto, das einen Besuch des Reichsführers SS im Ghetto von Lodz zeigt. Eine Gruppe von 20 bis 30 deutschen Offizieren umringt das Auto Heinrich Himmlers, ein Cabriolet mit dem Kennzeichen SS – 1. Das Dach ist offen, das Fenster auf der Beifahrerseite heruntergekurbelt. Himmler selbst sitzt im Auto und spricht mit dem einzigen Mann auf diesem Bild, der keine Uniform trägt, sondern einen grauen Anzug mit einem großen gelben Judenstern. Die Offiziere haben fast ausnahmslos den Kopf erhoben, einige blicken geradeaus auf Himmler, andere in die Gegend.

Nur der Jude hält, die Schultern leicht gebeugt, seinen Kopf gesenkt. Es ist Mordechai Chaim Rumkowski, der Vorsitzende des Ältestenrates der Juden im Ghetto von Lodz. Seine Haltung drückt Demut, ja Unterwürfigkeit aus und zeigt zugleich die herausgehobene Stellung des Juden unter all den deutschen Offizieren. Ihre Aufmerksamkeit gilt ihm.

In Sem-Sandbergs Roman erfahren wir zudem, dass Rumkowski es bei dieser Gelegenheit wagte, Himmler zu widersprechen. Er habe den Reichsführer der SS auf die enorme Produktivität des Lagers und damit auf den Beitrag der Juden zur Kriegsführung hingewiesen. Dieser Mordechai Chaim Rumkowski, die zentrale Figur des Romans, ist bis heute umstritten. Er war, meinen die einen, ein Kollaborateur, ein Verräter an seinem Volk, ein Ekel von Mensch und ein Päderast dazu. Er war, meinen andere, ein vernünftiger, aufrechter Kämpfer. Gut und Böse sind in ihm untrennbar verknüpft. Er war, historisch betrachtet, ein Teil von jener Kraft, die stets das Gute will und stets das Böse schafft. Aber darf man eine Geschichte, ja Geschichte überhaupt, vom Ende her beurteilen? Das Wahre, meinte Hegel in seiner „Phänomenologie“, sei das Ganze, „das Resultat samt seinem Werden“.

Für Rumkowskis Dilemma gab es keine Lösung. Er hatte die einzige Chance zu überleben erkannt. Sie lag darin, sich durch Arbeit unentbehrlich zu machen. Arbeit, Arbeit und noch mal Arbeit. Damit wollte – und konnte – er sogar Himmler imponieren. Die Folgen waren auch klar: Er trug auf diese Weise zur Stabilisierung der Verhältnisse und zur Verlängerung des Krieges bei. Das Reich profitierte auf allen Ebenen.

Die Juden litten dafür. Sie mussten bis über die Grenze der Erschöpfung hinaus arbeiten, unter meist unmenschlichen Bedingungen, bei einer Verpflegung, die kaum so genannt werden konnte. Nur: Als die anderen Ghettos längst geräumt, ihre Bewohner längst ermordet waren, lief in Lodz der Betrieb noch immer weiter. Rumkowski versuchte, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, um möglichst viele vor den Vernichtungslagern zu retten. Das ging, wer könnte darüber richten, vielleicht nur, weil er die Vollmachten, die er hatte, auch nutzte und sich als Diktator aufführte. Sein Adoptivsohn fragte ihn einmal: „Bestimmst du, wer sterben soll?“ Er gibt keine Antwort.

Im Spätsommer 1942 kommt es zu einer tragischen Zuspitzung. Berlin verlangt von der Lagerverwaltung, alle unnützen Esser, die Alten, Kranken und Kinder, zu eliminieren. Rumkowski versucht vergeblich, zu taktieren. Ihm wird entgegnet, er „habe seine Chance gehabt und sie verspielt.“ Er beruft eine Versammlung ein. Dort erklärt er, mit „veränderter Stimme“, so „als bereite ihm das Aussprechen eines jeden Wortes Qualen“, dass er nicht gekommen sei, um zu trösten. „Wie ein Räuber“ sei er gekommen, „um euch die zu nehmen, die ihr am meisten liebt“: „Gebt sie mir! Gebt mir eure Kinder“. Was sich nach dieser Rede abgespielt hat, entzieht sich unserer Vorstellungskraft.

Die Frankfurter Schriftstellerin Minka Pradelski („Und da kam Frau Kugelmann“) ist die Tochter eines Überlebenden des Ghettos von Lodz. Sie weiß, dass sie ihre Existenz diesem Rumkowski verdankt. Sie besteht darauf: Richtige Entscheidungen gab es nicht. Sem-Sandbergs Fiktion setzt auf der Schnittstelle zwischen Ästhetik und Moral an. Ohne Pathos, sachlich berichtend, aus der Perspektive mehrerer, auch erfundener Protagonisten.

In einem Gespräch mit Andreas Platthaus sagte Sem-Sandberg, mit wissenschaftlicher Wahrheit habe sein Roman nichts zu tun. Das Gegenteil ist richtig. Der Roman erreicht mehr, als es die wissenschaftliche Analyse (hier) vermag. Jean-Paul Sartre, Alexander Kluge oder Walter Kempowski haben es ihm vorgemacht. Rekonstruktion der Fakten und Konstruktion der Fiktion durchdringen sich wechselseitig. Auf solche Weise hat jetzt auch Steve Sem-Sandberg eine Geschichte des Holocaust, am Beispiel der Elenden von Lodz, erzählen können. Ein bedrückendes, ein Mut machendes, erschütternd großes Buch.

Steve Sem-Sandberg: Die Elenden von Lodz. Roman. Aus dem Schwedischen von Gisela Kosubek. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2011. 651 S., 26,95 €.

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