''1983'' : Nachtschattengewächse im Stahlwerk

Auf der Jagd nach dem Yorkshire-Ripper: David Peace beendet seine düstere Krimi-Tetralogie.

Werner van Bebber

Ein Text wie eine Schotterstrecke unter grauem Himmel, ein Roman-Vierteiler wie eine Landschaft aus Lava. David Peace hat mit „1983“ den letzten Band seiner Reihe über das England der späten 70er und frühen 80er Jahre und über den Yorkshire-Ripper vorgelegt – und seine brutale Zeitreise endet so gehetzt und atemlos, wie sie begonnen hat. Es wird sich zeigen, ob dieser britische Autor auch anders als heftig und verstörend schreiben kann – bei diesen Geschichten über einen Triebtäter, seine Opfer, über alkoholsüchtige Polizisten und Stricher wollte er wohl nicht anders. Wenn das England der beginnenden Thatcher-Ära so war, wie David Peace es beschreibt, dann muss es ein schreckliches Land gewesen sein.

Man darf kein Panorama erwarten, keinen düsteren Schwarz-Weiß-Streifen mit ein paar pornografischen Szenen. David Peace schreibt Fragmente. Manche haben einen finster-lyrischen Ton. Zwischen wie gehämmert wirkenden Sätzen entsteht das Gefühl der Düsternis, das alle vier Romane durchdringt. Ein Getriebener, der Frauen hasst, Polizisten, die ihn hetzen wie Hunde den Hasen – und an der Hetzjagd ihr Vergnügen haben, Politiker, die sich mit dem Erfolg der Jagd profilieren wollen.

Vier zeitlich versetzt ablaufende Geschichten, in denen es um Nordengland, die Liebe, den Hass, die Nähe und die Heuchelei, die Hoffnung und den Absturz geht. Vier Geschichten, ähnlich in der Atemlosigkeit, in der sie erzählt werden. Vier Männer in vier Zentren, vier Verlorene. Mit „1974“ hat alles angefangen. „Ich hoffte auf meine erste Titelseite, wurde endlich namentlich genannt: Edward Dunford, Gerichtsreporter für Nordengland; zwei verdammte Tage zu spät“. Vor zwei Tagen ist Edwards Vater gestorben, und jetzt, während er auf die erste Titelseite hofft, erfährt er von der Polizei Einzelheiten über das Verschwinden eines zehn Jahre alten Mädchens.

Fast alle Figuren in David Peace’ vier Romanen sind so wie dieser Edward, auch der Polizist Robert Fraser aus „1977“ und der Sonderermittler Peter Hunter aus „1980“: unter Druck. Kräfte treiben sie an, die stärker sind als der Verstand – die Gier, die Eitelkeit. Während Edward, der junge Journalist, noch ein paar Sympathien wecken kann, handelt die Hauptperson des nun vorliegenden „1983“ in großem Abstand zum immer kühler werdenden Publikum: Maurice Jobson, Detective Chief Superintendent, ist einer der Ermittler, die seit Jahren versuchen, den „Yorkshire-Ripper“ zu finden. Man kennt ihn aus den früheren Bänden. Jetzt geht es um seine Sicht der Dinge, sein Spiel mit korrupten Kollegen, seinen Kampf um Integrität – jedenfalls dann, wenn Morde an Kindern und jungen Frauen zu sühnen sind.

Asphalt, Regen, Bombenanschläge der IRA, Kaffee aus Styroporbechern, der Blick auf Tatorte, die Zeit, in der man noch aus Telefonzellen telefonierte – das gehörte zu den Bänden „1974“ bis „1980“. David Peace rekonstruierte das Journalisten- und Polizistenleben, die Bay City Rollers im Radio, die Fahrt im Vauxhall Viva, ein bisschen Zeitkolorit. Doch dies sind weder historische Romane noch Hochgeschwindigkeitskrimis. Es geht darum, wie Menschen mit den Gefühlen von anderen umgehen – und um die Frage, ob sie diesen Gefühlen, wenn sie denn so existenziell sind wie die Trauer um ein totes Kind, überhaupt gewachsen sind. „Dir ist das nicht egal“, sagt die Mutter eines der Opfer zu jemand anderem und meint damit den Tod ihrer Tochter. „Du weißt gar nicht, wie viel mir das bedeutet. Es ist schon so lange her, dass es jemandem nicht egal war.“

Das ist der Sound dieser Geschichten, und in der letzten ist er noch härter geworden, noch abgehackter, noch metallischer. Wegen seines harten Sounds ist David Peace mit dem Amerikaner James Ellroy verglichen worden. Der Vergleich führt in die Irre. Auch Ellroy, ein sprachlicher Stahlarbeiter, konnte mit seinen Geschichten die Körpertemperatur des Lesers auf kaltes Grausen herunterkühlen. Aber Peace zerstückelt seine Geschichte noch viel stärker, während seine Sprache sich in Richtung Songtext verdichtet: “Ich wachte nach nicht mal einer Stunde wieder auf und lag im Schatten der tiefsten Nacht da, das Haus war still und schwarz, ich lauschte nach etwas, irgendwas: Tiertrappeln, Vogeltapsen von unten oder oben, ein Auto auf der Straße, eine Milchflasche auf der Türschwelle, die Zeitung auf der Matte, aber da war nichts; nur Stille, Schatten und Tote, und ich erinnerte mich an die Zeit, als es nicht so war, als es anders war, als Schritte auf der Treppe zu hören waren ...“

Solange die Menschen bei Peace miteinander reden, geht manches – auch wenn die Figuren einander immer restfremd bleiben. Immer sind da Abstände zwischen ihnen; sie scheitern, wenn sie lieben – und die meisten scheitern auch, wenn sie leben. David Peace’ deutscher Verlag Liebeskind hat angekündigt, dass sich die nächsten Romane des Autors mit der Nachkriegszeit in Tokio befassen werden. Außerdem plant Peace ein Buch über England im Jahr 1984. Es soll vom Bergarbeiterstreik handeln. Damals versuchte der Gewerkschafter Arthur Scargill, die Arbeiterschaft gegen die „Eiserne Lady“ Margaret Thatcher in Stellung zu bringen. Man wird beim Lesen den vergessenen Geschmack von Kohlenstaub auf der Zunge haben – und vermutlich auch den von Blut.


David Peace: 1983. Roman. Aus dem Englischen von Peter Torberg. Liebeskind, München 2008. 512 Seiten, 22 €.

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