9/11-Romane : Die Fallsüchtigen

Das Private und der Terror: Don DeLillos und Jay McInerneys 9/11-Romane.

Gerrit Bartels
New York 9 11
Septemberregen. Eine mit Asche bedeckte Skulptur in Manhattan. -Foto: AFP

An weißgrauer Asche, rauchenden Trümmern und herumfliegendem Papier fehlt es diesen 9/11-Romanen nicht: „Er tat einen Schritt und dann den nächsten, während der Qualm über ihn hinwegwehte. Er spürte Brocken unter den Füßen, und alles bewegte sich, überall waren rennende Menschen und vorbeifliegendes Zeug“, heißt es in Don DeLillos „Falling Man“. Und in Jay McInerneys Roman „Das gute Leben“ weiß eine der Protagonistinnen: „Gestern Morgen und bis weit in den Nachmittag hinein waren Tausende so den West Broadway entlangmarschiert, vor der schrägen Rauchfahne fliehend, mit der gleichen Asche bedeckt, mit den Füßen durch den Staub schlurfend, während aus dem tiefblauen Himmel Papier auf sie herabregnete – eine teuflische Version der alten Konfettiparaden auf dem Broadway weiter unten.“

In unterschiedlicher Intensität beschwören die beiden New Yorker Schriftsteller die Bilder herauf, die man nach den Anschlägen bis zum Überdruss gesehen und verinnerlicht hat. DeLillo und McInerney weisen direkt ins Zentrum der Ereignisse des 11.9., sie erzählen, was diese insbesondere mit den Einwohnern New York Citys gemacht haben. DeLillos Held heißt Keith Neudecker, kann sich gerade so aus den Trümmern befreien und kehrt nach mehreren Monaten der Trennung zu seiner Frau Lianne und Sohn Justin zurück, ohne dass ihnen ein Neuanfang gelingt. Bei Jay McInerney ist es umgekehrt: Hier lernen sich ein Mann, Luke McGovick, und eine Frau, Corinne Calloway, beide aus Manhattans Kunst- und Börsenwelt, einen Tag nach den Anschlägen kennen. Ihre sich anbahnende Liebesbeziehung wird erleichtert dadurch, dass ihre jeweiligen Ehen abgenutzt bis zerrüttet sind, ihr Leben schon vor besagtem Tag manche neue Wendung genommen hatte.

Das Überraschende und Neue an diesen 9/11-Romanen ist, dass sich zwei Schriftsteller unterschiedlicher literarischer Provenienz (der große Visionär DeLillo, der ehemals rebellische Upper-Class-Gesellschaftsromancier McInerney) darangemacht haben, den Einbruch des Schreckens ins Private unmittelbar zu beschreiben und eine Sprache und Form für die bekannten Bilder zufinden.

Bislang hatte es in den 9/11-Romanen ein weiträumig abtastendes Herumschleichen gerade um die Stunden nach den Anschlägen gegeben, ein stillschweigendes Akzeptieren der Bilderübermacht – sei es bei Jonathan Safran Foer, der sich in „Extrem laut und unglaublich nah“ in die Tiefe der Zeit begibt und aus der Perspektive eines Kindes und mittels diverser Familiengeschichten den 11.9. mit den Dresdener Bombennächten von 1945 verknüpft. Sei es bei Ian McEwan, der in „Saturday“ seinen Helden das Private erfolglos gegen den Terror abschirmen lässt: „Lieber einkaufen als beten.“ Sei es bei John Updike, der in „Terrorist“ in das Hirn eines Attentäters kriecht und daran scheitert. Sei es bei Philip Roth oder Benjamin Kunkel, die den 11.9. zwar in Romane einarbeiteten, aber bei ihren Leisten blieben. Roths „Jedermann“ zieht eher wie nebenbei aus Manhattan weg und sucht angstvoll Schutz in einem Altersidyll an New Jerseys Küste. Und Kunkels Icherzähler erlebt in „Unentschlossen“ zwar den Einsturz der Türme im Ecstasy-Rausch und von einem Balkon aus, lebt dann aber einfach weiter, „als wäre es irgendwie normal und funktioniere automatisch“. Oder sei es zu guter Letzt bei Paul Auster und Richard Ford, die in „Brooklyn Revue“ und „Die Lage des Landes“ den 11.9. mit keinem Wort erwähnen, aber ihre Romane zeitlich direkt davor enden lassen, das Ereignis als ultimative Gezeiten- und möglicherweise auch Erzählzäsur anerkennend.

DeLillo und McInerney suchen die direkte Konfrontation, gemäß der Devise, die DeLillo in einem Essay kurz nach dem 11.9. formuliert hat: „Der Schriftsteller will verstehen, was uns dieser Tag angetan hat.“ Der Erkenntnisgewinn bleibt jedoch ein geringer; all den literarischen Einzelschicksalen ist eine Traumatisierung von unterschiedlicher Tiefe gemein. Das hatte man sich ja schon gedacht, DeLillos Roman fällt merkwürdig auseinander. Figur für Figur, Szene für Szene, alles ist hier direkt mit den Anschlägen verstrebt, ohne eine Einheit zu bilden, alle leben hier „im Geist des ständig Drohenden“. Ein deutschstämmiger Kunsthändler, der früher RAF-Sympathisant war, ein Performance-Künstler, der sich im Anzug und mit einem Seil verbunden in die Tiefe stürzt, ein arabischer Terrorist, dessen kurze Geschichte erzählt wird: DeLillo reichert seine Kerngeschichte mit vielen anderen Schicksalen und manchmal überflüssigen Bildern an; er schreibt große Sätze, dann wieder raunende, pseudobedeutungsschwangere Sentenzen; und er muss sich, so der Lektüreeindruck, ungemein schwer damit getan haben, den Ereignissen ausnahmsweise einmal hinterherzuschreiben und trotzdem ganz bei sich selbst zu bleiben. Verstanden hat man „Falling Man“ sofort – im Gegensatz zu so manchem anderen, interessant unverständlichem Roman von DeLillo.

Während Don DeLillo nun für seine Protagonisten alle Hoffnung fahren lässt, ist McInerney optimistischer. „Das gute Leben“ war es vorher nicht, ist es danach nicht. Trotzdem sehen alle Figuren klarer, zumal das am Ende zu seinen Ehepartnern zurückkehrende Liebespaar McGovnick/Calloway. Ob es dafür den 11.9. gebraucht hätte? Als Kulisse macht der Tag sich für McInerneys zwischen Henry James und Tama Janovitz changierendem Gesellschaftsroman gut – vermutlich ist auch das ein Fortschritt im Umgang der angloamerikanischen Literatur mit 9/11.

Don DeLillo: Falling Man. Deutsch von Frank Heibert. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007. 272 S., 19, 90 €.

Jay McInerney
: Das gute Leben. Deutsch von Ingo Herzke. Kiepenheuer &Witsch, 2007. 445 S., 22, 90 €

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