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Alissa Walser

Seelenarbeit

Ein liebender Mann: Alissa Walsers Roman über den Arzt und Magnetiseur Franz Anton Mesmer
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Alissa Walser - Foto: dpa
Geschichten, weiß der Arzt und Magnetiseur Franz Anton Mesmer, seien meist erfunden und erlogen: „Jeder könne sich alles ausdenken. Aber manche, sagt er, verbreiten eine Art Urgedanken. Und die werden wahr, allein durch die Begabung derer, die sie auffassen. Dabei gehe es weder um Begriffe noch darum, ob etwas so gewesen sei. Solche Geschichten entstammen einem unbewussten Trieb. Der letztlich nur angeregt werden müsse.“

Nicht vollständig erfunden und erlogen, sondern auf wahren Begebenheiten beruhend, ist die Geschichte, die die 1961 geborene Martin-Walser-Tochter und Bachmannpreisträgerin Alissa Walser in ihrem Roman „Am Anfang war die Nacht Musik“ erzählt. Es ist die Geschichte eben jenes Arztes Franz Anton Mesmer, der 1777 in Wien versucht, der im Alter von drei Jahren über Nacht erblindeten, inzwischen 18 Jahre alten Sängerin, Pianistin und Komponistin Maria Theresia Paradis ihr Augenlicht zurückzugeben, und zwar mit seiner Methode des „animalischen Magnetismus“. Diese besteht in der Auslösung therapeutischer Krisen durch das Auflegen von Magneten. Darin, das den Körper durchströmende und von den Anziehungskräften den Planeten beeinflusste „Fluidum“ in richtige Bahnen zu lenken und so die Einheit von Körper und Seele wiederherzustellen.

Franz Anton Mesmer ist für seinen Magnetismus genauso berühmt geworden wie diese Heilmethode höchst umstritten war, und Alissa Walser konzentriert sich in ihrem historischen Roman vor allem auf Mesmers folgenreiche Begegnung mit Paradis, abwechselnd erzählt aus der Perspektive des Mediziners und des Mädchens. Die Behandlung scheint zunächst ein Erfolg zu sein, misslingt dann aber und ist für die etablierte Medizin, die medizinische Fakultät Wiens, der endgültige Beweis dafür, dass Mesmer ein Scharlatan ist und seine „Betrügereien“ endlich ein Ende haben müssen. „Ist es eine Reise oder eine Flucht“, fragt dieser sich, als er im Mai 1778 nach Paris fährt, wo er in den folgenden Jahren eine erfolgreiche Praxis betreibt, bei seinen Kollegen aber auf die gleiche Ablehnung wie in Wien stößt.

Walser gelingt es ganz famos, die Attraktivität von Mesmers Behandlungsmethoden herauszuarbeiten, trotz deren Eso-und Guruhaftigkeit. Sie euphemisiert nicht, beschäftigt sich aber auch nicht groß mit dem medizinischen Für und Wider. Mesmer weiß sich in seine Patienten einzufühlen: mit seiner Stimme, den Händen, mit Musik. Dazu gehört es auch, Maria Theresia von ihrer schweren Perücke und dem sie einschnürenden Korsett zu befreien. Oder ihr zu erklären, dass auch das Sehen nicht zur Wahrheit verhilft: „Alles Lug und Trug und Einbildung. Alle, auch die Augen, erfinden Geschichten so gut sie können.“

Mesmer trägt in Walsers Roman Züge eines frühen Psychotherapeuten und Psychosomatiker, eines Vorläufer Freuds. Er versucht, an das Unterbewusstsein seiner Patienten heranzukommen, und wohl auch im Hinblick auf die moderne Medizin lässt Walser ihn einmal sagen: „Heutzutage müsse ein Kranker vor allem den Arztbesuch überstehen.“

Mesmer ist ein Mann, der von seiner Arbeit überzeugt ist, der um Anerkennung ringt, der aber daran verzweifelt, dass ihm Worte und Zahlen fehlen, „die Sprache der Vernunft“. Exakt oder gar messbar ist sein Magnetismus nicht. Und nicht zuletzt ist Walsers Mesmer ein liebender Mann. Er liebt seine zehn Jahre ältere Ehefrau, er lässt sich auf dem Weg nach Paris eine Nacht mit einer Mitreisenden ein – vor allem aber hegt er für „Resi“, seine „Klavieristin“, Gefühle, die über ein Arzt-Patienten-Verhältnis hinausgehen. Das jedoch wird von Walser bis zum Ende schön in der Schwebe gelassen: Das Streicheln der Arme oder das Anlegen der Magnete auf Busen, Bauch und Beine gehört mit zur Therapie.

Dieselbe Anziehungskraft übt Mesmer auf Maria Theresia Paradis aus, so dass man von Übertragung und Gegenübertragung sprechen kann. Immerhin schafft sie den Absprung nach dem von ihren Eltern forcierten Ende der Therapie leichter als er. Da erklärt sie ihm bei ihrem allerletzten Gespräch, dass seine Patienten ja nie wüssten, „was sie bekommen haben. Lasse sich ja auch nicht so genau messen, fügte sie hinzu.“

Leider wirkt Alissa Walsers Roman artistisch überanstrengt, vieles ist oft des Guten zu viel. Das beginnt beim Titel, in dem aus Mozarts kleiner Nachtmusik zwei Wörter werden, und Mozart gleich noch einen – freilich von Maria Theresia geträumten – Auftritt bekommt. Und das setzt sich in der Sprache Walsers fort, geschrieben in fast durchgehend indirekter Rede, mit vielen Ellipsen und überhaupt zahlreichen kurzen Sätzen. Deren Kargheit treibt Walser so weit, dass sie manchmal nur noch aus einem „Und.“ oder „Doch.“ bestehen.

Dieser Sound nervt mitunter, so schön Walser dadurch zumindest Schauplatz und Geschehen filmisch heranzuzoomen versteht. Ihr Satz-Stakkato liegt wie eine dicke Schutzschicht über dem historischen Stoff, so als misstraue sie selbst einer möglichen Modernität ihres Helden. Es bedarf einiger Anstrengung, diese Schicht abzutragen und zur Tragik des Arztes vorzustoßen. Und zudem Walsers „Urgedanken“ zu verstehen: einen Außenseiter zu porträtieren, der das medizinische Establishment herausfordert, aber nie wirklich akzeptiert wird.









Alissa Walser: Am Anfang war die Nacht Musik. Roman. Piper Verlag, München 2010. 253 S., 19, 95 €.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 01.02.2010)
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