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Literatur

Räume sind Schäume

Der junge kanadische Schriftsteller Nicolas Dickner spielt in "Nikolski“ mit seinen Figuren. So gekonnt Dickner die ihn bewegenen Fragen aus den Tiefen seiner Geschichte immer wieder aufscheinen lässt, so lapidar lässt er sie zum Schluss unbeantwortet.
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Wer ist hier eigentlich die Hauptfigur? Wohl doch ein Buch und keine der jungen Personen, die der frankokanadische Schriftsteller Nicolas Dickner über zehn Jahre kreuz und quer durch die kanadische Pampa begleitet, inklusive zweier Abstecher nach Venezuela und in die Dominikanische Republik. Ein Buch, das als „dreiköpfig“ bezeichnet wird, weil es aus Bruchstücken dreier Bücher besteht, die ein Witzbold mal zusammengeleimt und dann hat binden lassen: „Das erste Drittel stammt aus einem Werk über die Schatzsucher. Das zweite Drittel aus einer historischen Abhandlung über die Piraten der Karibik. Das letzte Drittel aus einer Biografie über Alexander Selkirk, einen Schiffbrüchigen auf einer Insel im Pazifik.“

Wenn wir den verschlungenen Wegen in Dickners Debütroman „Nikolski“ richtig gefolgt sind, befindet sich dieses „dreiköpfige Buch“ als Erstes in Besitz von Noah, einem jungen Mann, der in einem Wohnmobil aufgewachsen ist, immer unterwegs auf den Highways des amerikanischen Nordens, denn seine Mutter konnte nicht zur Ruhe kommen. Eines Tages Ende der achtziger Jahre beschließt Noah, seine Mutter zu verlassen und in Montreal Archäologie zu studieren. Dort gelangt das Buch in die Hände von Joyce, einer jungen, eigenbrötlerischen Frau, die tagsüber in einem Fischgeschäft arbeitet und nachts das Internet unsicher macht. Von Joyce wiederum wandert es weiter auf den Ladentisch eines Antiquariats, in dem der namenlose, gleichfalls etwas skurrile Icherzähler arbeitet. Seit Jahren trägt er das Geschenk seines nie gekannten Vater um den Hals, einen Plastikkompass, der allerdings nicht nach Norden zeigt, sondern nach Nikolski, auf eine Insel der Aleuten, vor Alaska gelegen – womit auch der dritte Teil des „dreiköpfigen Buches“ eine Entsprechung auf der Handlungsebene findet.

Dort – wir befinden uns noch immer im Antiquariat, fällt es zehn Jahre später wieder Noah in die Hände, der amüsiert ein Blatt Papier aus der Tasche zieht, das sich als fehlendes Deckblatt herausstellt, auf dem eine Landkarte der Karibik abgebildet ist. So schließt sich der letzte Kreis in diesem an Kreisen nicht armen Buch. Der Icherzähler ist über den Zufall verdutzt, der Leser dagegen erschöpft und irritiert: Am Ende wurde dieses abenteuerlich versponnene, dicht erzählte, mit absurdesten Anekdoten versehene Schreibunterfangen nur in Bewegung gesetzt, um als Buch-im-Buch-Gag zu enden? Enttäuschend.

Dabei ist Nicolas Dickner, der mit „Nikolski“ vor einigen Jahren in Kanada die Bestsellerlisten stürmte, tatsächlich ein famoser Autor. Das Entzücken beginnt schon beim Setting. Die drei Figuren Noah, Joyce und der Icherzähler sind nämlich verwandt – ohne voneinander zu wissen. Noah und Joyce sind Halbbrüder, Joyce ist ihre Cousine. Alle drei landen in Montreal, wo sie nah beieinander wohnen, sich hin und wieder begegnen und doch nie von der Identität des anderen erfahren. Die drei eint, dass sie früh ein oder sogar beide Elternteile verloren haben und noch immer nicht erwachsen geworden sind. Soll heißen, auf ihrer Suche nach sich selbst reagieren sie auf Familiengesetze, die umso stärker wirken, je weniger anwesend die Eltern waren. Noah, dessen indianische, von ihrem Stamm verstoßene Mutter zu ewigem Nomadentum verdammt ist, versucht sich durch das Studium der Archäologie gewissermaßen mit Gewalt zu verwurzeln. Das Nachtschattengewächs Joyce wird Internetpiratin, weil ihre Vorfahren Piraten waren, zumindest ihr Großvater hat das behauptet. Und der Icherzähler ist so früh Waise geworden, dass er sich vor der Wirklichkeit in seinen Büchern versteckt. Sie hocken aufeinander und dürfen sich doch nicht erkennen, bleiben blinde Lemminge eines Kollektivs der Entwurzelten.

Kollektive, Schwärme, ihre Bewegungen und ihre Hinterlassenschaften, das ist, was Dickner neben Büchern und Landkarten hauptsächlich interessiert. Da sie es selbst nicht direkt können, werden die Figuren von Dickner über Motivschwärme (Meer! Wasser! Fische!) und kollektiv bedeutsame Orte in Beziehung gesetzt: So entwickelt sich Noah zum Müllforscher und kraxelt über dieselben Mülldeponien, auf denen Joyce nachts nach verschrotteten Computern Ausschau hält. Das Bewegungs- und Handlungsmuster, das die drei dabei bilden, ist schön anzuschauen, es entwickeln sich prächtige Spiegelungen und Korrespondenzen – und da Dickner leichthändig und charmant erzählt, hat man nach über hundertfünfzig fesselnden Seiten den Eindruck, einer verblüffenden Choreografie beizuwohnen, bei der selbst die Gerüche der Zimmer bedeutend sind. Irgendwie zumindest.

Und dieses Irgendwie ist bald das Problem. Alles ist mit allem verbunden – nur warum, wird nicht deutlich. Was treibt die Figuren eigentlich an? Eine heimliche Familiendynamik, ein gesellschaftlicher Konflikt zwischen den kanadischen Ureinwohnern und den Siedlern? So gekonnt Dickner diese Fragen aus den Tiefen seiner Geschichte immer wieder aufscheinen lässt, so lapidar lässt er sie zum Schluss unbeantwortet, weil er sie nicht an die Entwicklung der Figuren zu binden vermag. Die haben nämlich keine.

Ob ein virtuoser Text noch verspielt ist oder schon zur selbstbezüglichen Spielerei verkommt, hängt einzig an der Art, wie ein Autor seine Geschöpfe behandelt. Entfalten sie im engen Netz der Bezüge ein Eigenleben oder nicht? Dickner aber ist nicht sonderlich an seinen Protagonisten interessiert und erzählt in einem Interview auf Youtube, es ginge ihm einzig um Räume. Die Wege seiner Antihelden – Noah wird Vater und der Icherzähler gibt das Antiquariat auf – gehorchen denn auch keiner inneren Logik, sondern der formalen Not. Während die existenziellen Unterströmungen versanden, werden an der Oberfläche weiter manierierte Motivketten geknotet. Selten ist Begeisterung über das Können eines Autors so schnell in Ärger über sein allmächtiges Augenzwinkern umgeschlagen.

Nicolas Dickner: Nikolski. Roman. Aus dem Französischen von Andreas Jandl. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2009.  300 Seiten, 19,90 €.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 08.03.2009)
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