Abenteuer : Pirat wider Willen

Klaus Kordon erzählt das eindrucksvolle Schicksal eines Jungen im Nahen Osten. Er gerät in die Hände von Piraten und muss sich durchschlagen.

Rolf Brockschmidt

Es ist Liebe auf den ersten Blick. „Morgens war das Meer glatt und taubenblau, abends kräuselte es sich und wurde rauchgrau, dann, wenn die ersten Nebelfetzen darüber hinflogen, erzgrau.“ Assad, 13 Jahre alt, Waise, begleitet seinen Onkel Saadi zum ersten Mal auf dem Zweimaster Miramar auf einer Handelsreise irgendwo im Nahen Osten. Das Meer verzaubert den 13-jährigen Jungen, der mit seinem Onkel zu den Diamantengruben fahren soll. Ein Erlebnis, das Assad nachdenklich stimmt, denn er sieht einerseits, unter welch unmenschlichen Bedingungen die Arbeiter in den Diamantengruben schuften, andererseits beobachtet er mit einer gewissen Reserve seinen Onkel, der trotz des Sturmes auf der Rückreise nur noch seine Diamanten im Sinn hat. „Wollte ich wirklich so werden wie er? Wollte ich ein Mensch werden, der kein anderes Lebensziel hatte, als seinen Reichtum zu mehren?“ fragt sich Assad.

Klaus Kordon lässt Assad seine Geschichte im Rückblick erzählen, der Titel „Piratensohn“ deutet schon an, dass die Reise und das weitere Leben zunächst einen ganz anderen Verlauf nehmen, als von Assad ursprünglich geplant. Und wie immer bei Kordon lernt der Leser schnell, dass die Welt ihre Widerhaken hat, dass nicht immer alles glatt geht oder schwarz-weiß gezeichnet ist. Als der berühmte Pirat Turuk das Schiff aufbringt, versucht Saadis Kapitän Achmed, Leben und Besitz seiner Leute zu retten unter Verweis auf den reichen Onkel. Doch der hängt an seinen Diamanten und ist bereit, mit ihnen in den Tod zu gehen. Den Diener Omar, der Assad noch verteidigen will, werfen die Piraten ins Meer, die Mannschaft wird ausgeplündert – ein mageres Ergebnis – und Assad bleibt an Bord des Piratenschiffes – als Turuks Sohn, denn dieser war von dem Mut des Jungen sehr beeindruckt.

Kordon hat schon mit dieser Kaperaktion ein differenziertes Bild der Piraten gezeichnet, fern jeder Romantik – aber auch der Onkel wird als raffgieriger Mensch bloßgestellt. Assad bleibt nichts anderes übrig, als auf Turuks Angebot einzugehen, sich zu integrieren und Turuks Sohn zu werden, denn so einen Jungen hatte der sich immer gewünscht. Von Turuk lernt Assad alle Kniffe des Kämpfens und von dem alten Seemann Ibrahim, zu dem er bald Vertrauen fasst, lernt er alles über das Meer und die Seefahrt. Klaus Kordon stellt seinen jugendlichen Helden auf eine schwere Probe: Kann er wirklich Turuks Sohn werden, ein echter Pirat, das heißt, auch kämpfen und töten? Kann er seine Integrität wahren? Ein schwieriger Spagat, wie sich bei den ersten Überfällen auf fremde Schiffe zeigt.

Er vertraut sich dem alten Ibrahim an – und auch der schlägt einen überraschenden Ton an: „Glaubst du etwa, ich sei als Pirat auf die Welt gekommen?“ Ibrahim scheidet im nächsten Hafen reich beschenkt aus Turuks Diensten, um sein Heimatdorf aufzusuchen – Assad mitzunehmen, wird ihm von Turuk verwehrt. Also bleibt Assad nur die Flucht von Bord, die auch gelingt.

Was dann folgt, ist eine abenteuerliche Geschichte voller überraschender Wendungen, die hier nicht verraten werden sollen. Kordon gelingt es immer wieder, der Handlung einen neuen Dreh zu geben, so dass das Buch spannend bis zum Schluss bleibt. Habgier und Macht werden thematisiert, aber auch die Weisheiten des Orients. Immer wieder stellt er sich der Frage der Gerechtigkeit, der Frage von Arm und Reich. Und nicht immer ist alles so, wie es auf den ersten Blick scheint. Assad hat seine Lektion gelernt und die Reise hat ihr Übriges dazu getan.

Peter Knorr hat den Roman mit zahlreichen lebendigen Illustrationen versehen, die einerseits die Faszination des Meeres, andererseits die Farbenpracht des Orients eindrucksvoll vermitteln. Ein schönes, spannendes Buch, das das Zeug zum Klassiker hat.

Klaus Kordon: Piratensohn. Bilder von Peter Knorr. Beltz & Gelberg, Weinheim Basel 2007. 230 Seiten. 14,90 Euro. Ab acht Jahren.

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