Literatur : Abgetaucht in virtuelle Welten Christian Waluszeks temporeicher Roman

Ulrich Karger

Adrian ist ohne das abgeschaltete Implanted-Video-System IVIS blind, kann dafür aber nun wieder ohne Manipulation durch andere denken und sich erinnern. Ein lohnender Tausch, denn was er bis zu diesem Zeitpunkt erlebt hat, ist nicht weniger als ein beinahe real gewordener Alptraum. Dabei ist bereits der Beginn seiner Geschichte alles andere als harmlos: Als 15-jähriger Waise in einem Stiftungsinternat lenken ihn nur noch das Hacken unter anderem im PC der Schulleitung, das Schreiben kleiner Software-Programme und nicht zuletzt die virtuellen Spiele in den Adventure-Halls von Allgames von seinem öden Schulalltag ab.

In der Folge sacken seine Schulleistungen bis auf die im Fach Informatik bedrohlich ab und seine aufgelaufenen Schulden sind kurz davor, das endgültige Aus seiner Schulkarriere einzuläuten – denn die Spiele in den Adventure-Halls haben den Besitzer von Allgames nicht von ungefähr zum reichsten Mann der Welt gemacht. Doch dann wendet sich das Blatt und Adrian gewinnt unverhofft einen Preis für eines seiner Programme – und landet damit am Ende bei Kain Maverick, dem Besitzer von Allgames ...

Christian Waluszek legt mit seinem Roman „Allgames“ einen SF-Thriller vor, der sogar jugendliche Computer- und Playstationfreaks mal wieder zum Buch greifen lassen könnte. Sein Held Adrian ist sehr gut von der Wirklichkeit abgeschaut, dessen Fokussierung auf virtuelle Spielwelten so glaubhaft wie kompetent nachvollzogen. Doch anstatt seinem Helden nun, wie so oft in deutscher Jugendliteratur gehandhabt, alsbald mit moralinsauren Erkenntnissen vom Verderblichen seiner Lebenseinstellung überzeugen zu wollen, lässt er Adrian dank Kain Maverick und des IVIS immer tiefer in die scheinbar unendlichen Möglichkeiten von Bytes und Bits eintauchen.

So vermag er am Ende sogar ganz unangestrengt höchst komplizierte, mathematische Gleichungen in Bruchteilen von Sekunden zu lösen und darauf aufbauend auch die verschiedensten Fluggeräte zu beherrschen – und das, obwohl Mathe zuvor ein ihm verhasstes Schulfach war. Adrian und der Leserschaft eröffnet sich somit eine phantastische „Echt-Welt“, die für immer neue Steigerungen und Überraschungen gut ist. Erste Bedenken darüber setzen deshalb bei Adrian sehr spät, fast zu spät ein – dafür aber als Ableitung aus nunmehr nachvollziehbaren, „selbstgemachten“ Erfahrungen.

Christian Waluszek beweist einmal mehr die Kunstfertigkeit mitreißenden Erzählens, sodass neben den „Computerfreaks“ gewiss auch Jugendliche, die lediglich ganz konventionell im Internet surfen und E-Mails abrufen, Vergnügen an diesem Buch finden werden. Sein Sinn für Dramaturgie und Erzähltempo lässt ihn dabei, selten genug im deutschen Sprachraum, mit angelsächsischen Bestsellerautoren konkurrieren – für die filmische Umsetzung von „Allgames“ wäre dementsprechend mindestens ein Steven Spielberg gefordert. Ulrich Karger

Christian Waluszek: Allgames. Roman. Thienemann Verlag, Stuttgart 2010.

468 Seiten. 18,00 Euro. Ab 14 Jahren.

0 Kommentare

Neuester Kommentar