Abraham Sutzkever : Speit die toten Städte wieder her

Der jiddische Dante: Abraham Sutzkever ist endlich auch auf Deutsch zu entdecken.

Ernst Piper
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Der junge und der alte Mann. Abraham Sutzkever, bewaffnet als sowjetischer Soldat um 1944/45, entspannt in Israel. Fotos: Ammann...

Anfang 1942 gebar Abraham Sutzkevers Frau Freydke im Hospital des Gettos von Wilna einen Sohn. Doch die Deutschen, die Litauen im Jahr zuvor besetzt hatten, hatten für Juden ein Gebärverbot erlassen. Das Neugeborene wurde mit einer Spritze getötet. Vier Jahre später berichtete Sutzkever über seine Erlebnisse als Zeuge des sowjetischen Anklägers vor dem Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg.

Nach seinem mit Bangen erwarteten Auftritt schrieb er in sein Tagebuch: „Auf meinen Lippen glühen noch die Wörter, die ich herausgeschrien habe ... Mir ist noch schwer, meine Gefühle abzuwägen. Welches von ihnen ist stärker, das Gefühl der Trauer oder das Gefühl der Rache? Mir scheint, stärker als beide ist das aufleuchtende, mächtige Gefühl, dass unser Volk lebt, seine Henker überlebt hat, und keine finstere Macht ist imstande, uns zu vernichten.“ Kurz nach dem Tod des Sohnes wurde Sutzkevers Mutter bei einer Razzia erschossen. Sutzkever selbst und seine Frau überleben wie durch ein Wunder.

Sutzkever wurde 1913 im damals litauischen und heute weißrussischen Smorgon geboren. Als er zwei Jahre alt war, wurde die Familie zusammen mit eineinhalb Millionen Leidensgenossen nach Sibirien verbannt. Die Russen sahen in den Ostjuden „deutsche Spione“, die im Ersten Weltkrieg gefährlich werden konnten. Nach dem Tod des Vaters kehrte die Familie nach Wilna zurück. Als Sutzkever zwölf Jahre alt ist, stirbt die hochbegabte ältere Schwester an einer verschleppten Meningitis. Sutzkever beschließt, an ihrer Stelle sein Leben der Poesie zu weihen. Drei Jahre später lernt er Freydke kennen, die seine lebenslange Gefährtin wird.

Wilna (Vilnius), das „Jerusalem des Nordens“, war seit dem 17. Jahrhundert ein Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit. Fünf bedeutende Bibliotheken gab es hier, darunter die beiden größten jüdischen Bibliotheken Europas. 1925 wurde das „Yidisher Visnshaftlikher Institut“ (YIVO) gegründet. Hier wurde die Wissenschaft vom Judentum erstmals in der Sprache des Judentums betrieben.

Das Gegenstück zum YIVO ist die Hebräische Universität Jerusalem, die ebenfalls 1925 ihren Betrieb aufnahm und erstmals Lehrveranstaltungen auf Hebräisch anbot. Das YIVO hatte bald Verbindungen in ganz Europa, zu seinen korrespondierenden Mitgliedern gehörten unter anderen Sigmund Freud, Albert Einstein und Marc Chagall. Sutzkever studierte am YIVO bei dem bedeutenden Jiddisten Max Weinreich, der nach 1940 das Institut in New York neu aufbaute, wo es noch heute seinen Sitz hat.

1932 veröffentlichte Sutzkever erste Gedichte, drei Jahre später erschien sein erstes Buch „Lider“ (Lieder). Er galt als Individualist unter den jungen Schriftstellern in Wilna. Seine Gedichte sind von wilder Schönheit und großer poetischer Kraft, einige der frühen sind in die vorliegende Auswahl aufgenommen, z. B. „Krieg“ von 1939. Die zweite Strophe lautet: „Und bleiben wird nur ein Poet – doch er, / ein wilder Shakespeare, singt voll Kraft und Mutwill: / Geist Ariel, bring das Schicksal, das mein Blut will, / und speit die toten Städte wieder her.“

Am 22. Juni 1941 erfolgte der deutsche Überfall auf die Sowjetunion, zu der damals auch Litauen gehörte. Sutzkever notierte: „Als ich am 22. Juni frühmorgens mein Radio anschloss, da sprang es mir entgegen wie ein Knäuel Eidechsen: ein hysterisches Geschrei in deutscher Sprache. Aus all dem Lärm folgerte ich nur: Das deutsche Militär war über unsere Grenzen ins Land gedrungen.“ Mit diesen Worten beginnt sein Bericht, der hier erstmals vollständig auf Deutsch publiziert wird, vorzüglich aus dem Jiddischen übersetzt von Hubert Witt.

Einige Wochen später wurde das Getto in Wilna errichtet. Von den 80 000 Menschen, die hier zusammengepfercht wurden, überlebten nur etwas mehr 2000. In diesem Getto, dem der Dramatiker Joshua Sobol mit einem später verfilmten Schauspiel ein Denkmal gesetzt hat, entfaltete sich ein einzigartiges Kulturleben. Es gab ein jiddisches Theater, ein Orchester, eine literarische Vereinigung, die ihren ersten Literaturpreis an Abraham Sutzkever verlieh, außerdem Schulen und sogar eine Universität. Von den über 300 Kulturschaffenden, die hier wirkten, hat fast keiner überlebt.

Abraham Sutzkever gelang es, sich zu verstecken. Er schrieb um sein Leben: „An einem der Tage des Abschlachtens saß ich in einer dunklen Kammer und schrieb. Als hätte der Engel der Dichtung mir anvertraut: ‚Du hast es in der Hand. Wird dein Gesang mich begeistern, werde ich dich beschützen mit flammendem Schwert ...’“. Zugleich arbeitete er für die Partisanen und half, Waffen ins Getto zu schmuggeln.

Als die Experten der SS und des Einsatzstabs Reichsleiter Rosenberg in Wilna einfielen, diente das YIVO als Hauptquartier für die Plünderer. Spezialisten wählten 20 000 Inkunabeln für den Abtransport nach Deutschland aus. 80 000 Bücher, die weniger interessant erschienen, wurden an eine Papiermühle verkauft. Thorarollen wurden zu Stiefelfutter verarbeitet, marmorne Grabsteine dienten als Straßenpflaster.

Einer der Zwangsarbeiter, die für den Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg arbeiten mussten, war Sutzkever. Unter größter Gefahr gelang es ihm, 5 000 seltene und wertvolle Bücher zu retten. In den von ihm angelegten Verstecken verbarg er auch Handschriften von Scholem Alejchem, Briefe von Maxim Gorki und Romain Rolland, Bilder von Marc Chagall und sogar Skulpturen. Heute befindet sich all dies im YIVO in New York.

Im September 1943 gelang es Abraham und Freydke Sutzkever, aus dem Getto in die umliegenden Wälder zu fliehen. Ilja Ehrenburg veranlasste, dass die beiden nach Moskau ausgeflogen wurden. Dort begann Sutzkever mit der Niederschrift seines Berichts, der Teil eines Schwarzbuches über die Ermordung der sowjetischen Juden sein sollte.

Die Publikation des Schwarzbuches scheiterte schließlich an der sowjetischen Zensur, und Sutzkever veröffentlichte seinen Bericht separat in Paris und Moskau. Nur in Deutschland, dem Land der Mörder, erschien er nicht. Umso verdienstvoller ist es, dass der Ammann-Verlag dieses Versäumnis nun endlich wettgemacht hat. Die beigefügte, notwendig bescheidene Auswahl aus Sutzkevers umfangreichem lyrischen Schaffen ist eine wichtige Ergänzung.

Die beiden Schmerzensbücher sind vielfach aufeinander bezogen. Gemeinsam zeugen sie von einem der größten Dichter des 20. Jahrhunderts und seinem unglaublichen Schicksal.

1947 ging Sutzkever nach Palästina und gründete im Jahr darauf die literarische Zeitschrift „Di goldene kejt“ (Die goldene Kette), die er bis 1996 selbst herausgab. Als das schwedische Nobelkomitee 1978 einen jiddischen Autor mit dem Nobelpreis für Literatur auszeichnen wollte, war Sutzkever lange Zeit ihr Favorit. Am Ende entschied man sich für den populäreren Erzähler Isaac Bashevis Singer.

Abraham Sutzkever ist oft der „jiddische Dante“ genannt worden. Aber Dantes Inferno ist eine Spielzeughölle im Vergleich zu dem, was dieser Poet erlebt, erlitten und beschrieben hat. Das letzte Wort soll der Dichter haben: „An mein Kind / Ob aus Hunger, / ob aus großer Liebe – / nur deine Mutter ist mir Zeuge: / Ich wollte dich einschlingen, mein Kind, / als ich fühlte, wie dein Körperchen kühl wurde / in meinen Händen, / so als drückte ich / ein warmes Glas Tee / und spürte den Übergang zur Kälte.“

Abraham

Sutzkever: Wilner

Diptychon (Wilner Getto 1941-1944 / Gesänge vom Meer des Todes). Prosa und Gedichte. Ammann Verlag, Zürich 2009. 430 Seiten, 32,95 €.

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