Abschiedsnummer : Nächste Abfahrt vom Gleis gegenüber

Trauer ohne Tränen: Nach über vierzig Jahren wird die Zeitschrift "Kursbuch“ eingestellt. Für das Ende gibt es viele Gründe.

Gregor Dotzauer

Wo aber Gefahr ist, lautet die berühmteste Zeile von Hölderlins „Patmos“Hymne, wächst das Rettende auch. Im Fall des „Kursbuchs“ trifft das Umgekehrte zu: Als es vom Hamburger „Zeit“Verlag vor drei Jahren gerettet wurde, nachdem Rowohlt es mangels Rentabilität loswerden wollte, war es der Anfang vom unwiderruflichen Ende. Mit der im Mai erschienenen Nummer 169 „Der gläserne Mensch“ ist nach über vierzig Jahren wechselvoller Geschichte und Verlagsgeschichte die letzte Ausgabe der Quartalszeitschrift erschienen.

Dass die Todesnachricht, die Herausgeber Tilman Spengler im Vorwort kundtat, eine ganze Weile nicht über den unmittelbaren Leserkreis hinausdrang, spricht dafür, dass sich eine größere Trauergemeinde erst noch finden muss. Dass der Verlag auf eine offizielle Erklärung verzichtete, spricht aber auch dafür, dass er auf die symbolische Bedeutung seines Schritts lieber nicht aufmerksam machen möchte. Mit dem 1965 von Hans Magnus Enzensberger gegründeten „Kursbuch“ verliert die Bundesrepublik eine Publikation, die über Jahre das theoretische Zentralorgan der undogmatischen Linken war – und als Reprint bei 2001 zum Sammlerobjekt für die Nachgeborenen wurde. Auch als es sich unter dem Mitgründungsherausgeber Karl Markus Michel politisch öffnete und in seinen letzten Rowohlt-Jahren unter Spengler und Ina Hartwig eine geistige Vielstimmigkeit inszenierte, die sich zusehends weicherer Themen annahm, blieb es ein Ort für erstklassige Autoren. Der Witz ist, wie Tilman Spengler betont, dass der dabei entstandene, immer wieder sanft modernisierte intellektuelle Salon zwar neue Mitglieder bekam, zugleich aber eine erstaunliche Kontinuität aufwies.

Für das Ende des „Kursbuchs“ gibt es viele Gründe – wobei die Notwendigkeit, es auf eine neue ökonomische Basis zu stellen, das Verhängnis auf paradoxe Weise beschleunigte. Die Ziele des „Zeit“Verlags waren ehrgeizig: Die Auflage von rund 8000 Exemplaren, die erfolgreichere Ausgaben bis dahin im Buchhandel erreicht hatten, sollte sich durch den neuen Vertriebsweg Kiosk und „Synergien“ mit der „Zeit“ verdoppeln. Dem Vernehmen nach wurde jedoch sogar der Status quo schnell unterschritten.

Auch die Umstellung vom kartonierten Quartbuch zum deutlich größere illustrierten Magazin führte nicht zum gewünschten Erfolg. Das „Kursbuch“ brauchte fortan, schon vom Format her, nicht mehr mit dem viel näher verwandten „Merkur“, mit „Sinn und Form“ oder „Ästhetik & Kommunikation“ zu konkurrieren, sondern musste beim Händler gegen ein pseudointellektuelles Krachmacherblatt wie „Cicero“ antreten, ohne dass sich die Inhalte stark verändert hätten. Man hatte die einen Leser verloren – und andere nicht gewonnen.

Eine entscheidende Personalie kommt hinzu. Michael Naumann, der sich das „Kursbuch“ als Herausgeber der „Zeit“ (und ehemaliger Rowohlt-Verleger) ins Haus holte, verließ das Blatt nach der zweiten Nummer, um für die SPD als Hamburger Oberbürgermeister zu kandidieren. Als die Geschäftsführung das Aus für das „Kursbuch“ beschloss, war er noch nicht in sein Zeitungsamt zurückgekehrt. Bezeichnend auch, dass dem „Kursbuch“ zuletzt weder eine Webpräsenz noch Auftritte auf der Frankfurter Buchmesse gegönnt waren.

Tilman Spengler allein blieb von der verschworenen Gemeinschaft übrig, von der Zeitschriftenprojekte leben – oder sich eines Tages eben auch überleben, wenn die publizistische Idee dahinter ins Feuilleton diffundiert: Brillante Texte brillanter Autoren allein reichen noch nicht aus für eine politisch-kulturelle Identität. Denn an Zeitschriften, die etwas bewegen wollen – sei es „polar“ oder „Kultur & Gespenster“– herrscht kein Mangel, auch wenn sie nicht annähernd das Niveau des „Kursbuchs“ erreichen.

Insofern ist eine Institution gestorben, doch keineswegs der Geist, der sie hervorgebracht hat. Deshalb rote Rosen aufs Grab, eine Runde Schnaps fürs Leichenbegängnis, Tilman Spengler einen Glückwünsch zum Münchner Literaturpreis, der ihm kommenden Montag auch wegen seiner Verdienste um das „Kursbuch“ verliehen wird – und ran an die Computer zu neuen Essays und Taten.

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