Adorján-Buch "Eine exklusive Liebe" : Rauskramen

Johanna Adorján erforscht in ihrem Roman "Eine exklusive Liebe" das Leben und Sterben ihrer jüdisch-ungarischen Großeltern.

Nadine Lange

Am Abend des 13. Oktober 1991 sitzt Johanna Adorján in München mit Freunden beim Abendessen. Sie erzählt, dass ihr Großvater sterbenskrank sei und dass die Großmutter angekündigt habe, nicht einen Tag ohne ihn leben zu wollen. „Sie wollten sich zusammen umbringen. Das erzählte ich. So mal eben bei Tisch, die Nudeln wurden gerade abgeräumt. Ich weiß noch, dass ich mich unwohl fühlte, kaum, dass ich es erzählt hatte. Dass ich plötzlich dachte, das ist zu privat, das hätte ich lieber für mich behalten sollen.“

17 Jahre später ist Johanna Adorján die Geschichte nicht mehr zu privat. Die Feuilletonredakteurin der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ wollte immer schon mal ein Buch schreiben, also hat sie nun eines über ihre jüdisch-ungarischen Großeltern István und Vera geschrieben.

Die beiden waren zum Zeitpunkt des Münchner Abendessens ihrer Enkelin bereits tot – Tablettenüberdosis im Ehebett. Johanna Adorján rekonstruiert und fiktionalisiert in „Eine exklusive Liebe“ diesen letzten Tag der Großeltern. In Rückblenden erzählt sie zudem vom Leben des Paares, das dem Holocaust entkam und in den Wirrnissen des Oktoberaufstandes 1956 von Budapest nach Kopenhagen floh. Über die Schrecken, die sie erlebt hatten, wollten sie jedoch nie sprechen. So interviewt die Autorin Freunde, Bekannte und Verwandte der Großeltern. Sie kramt in alten Kisten und eigenen Erinnerungen. Als sie noch ein Kind war, wirkten die beiden wie Filmstars auf sie. Stets sehr elegant gekleidet, kettenrauchend und sich ihr Leben lang siezend, strahlten sie einen unwiderstehlichen Glamour aus. Später stellt sie einige Ähnlichkeiten zwischen sich und ihrer leicht exzentrischen Oma fest.

Adorján fördert viele interessante Bruchstücke aus der Familiengeschichte zutage, doch wirklich nahe kommt sie István und Vera nicht – sie waren eben ein sehr diskretes, exklusives Paar. Deshalb hält sich die Enkelin an Oberflächen fest, beschreibt ausführlich Details wie den Linoleumfußboden eines Altersheims, nervige Teenager im KZ-Museum Mauthausen oder die toupierten Haare einer 94-jährigen Freundin der Großeltern.

Dieser lakonische Plauderton macht „Eine exklusive Liebe“ zu einer feuilletonhaft leichten Lektüre, bei der man fast übersieht, dass die Adorján sich über vieles hinwegmogelt. Ihre Schreibposition ist eine dezidiert persönliche – schon aus Materialmangel eine kluge Entscheidung. Doch häufig wird Offenheit nur suggeriert. So tippt Adorján einmal das Thema jüdische Identität an, stellt fest, dass sie diesbezüglich eine Art Leerstelle in sich fühlt. Statt dies einmal eingehender zu erforschen, vielleicht auch ihre beiden Brüder zu ähnlichen Gefühlen zu befragen, flüchtet sie sich in zwei banale Anekdoten. Eine davon dreht sich um ein jüdisches New Yorker Dating-Portal, über das sich Adorján tatsächlich mit zwei Männern verabredet. Außer ihrer Verwirrung spiegelt diese abenteuerliche Episode nichts. Etwas mehr Reflexion und etwas weniger Geplauder hätten dem Buch gutgetan. Nadine Lange

Johanna Adorján: Eine exklusive Liebe. Luchterhand Verlag. München 2009.
192 Seiten, 17,95 €.

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