Aimé Césaire : Martinique, mon amour

Er gründete eine Partei und kämpfte für die Autonomie der Antillen: zum Tod des widerspenstigen Dichters Aimé Césaire.

Gregor Dotzauer
Cesaire
Karibischer Surrealist. Aimé Césaire (1913-2008) -Foto: AFP

Als er im September 1932 mit 19 Jahren von Martinique zum Studieren nach Paris kam, floh er vor dem kolonialen Elend und der geistigen Enge seiner Heimatinsel in die Weiten einer Welt, die ihm nicht weniger unterdrückerisch vorkommen musste. Aber erst Frankreich ermöglichte es Aimé Césaire, sich auf seine afrikanischen Wurzeln zu besinnen. Dort traf er Lépold Sédar Senghor, einen Kommilitonen aus dem Senegal, mit dem zusammen er „L’Etudiant Noir“ (Der schwarze Student) gründete, jene Zeitschrift, in der Césaire jenes berühmte Wort geprägt haben soll, das zum Ausweis schwarzen Selbstbewusstseins wurde: die négritude.

In Frankreich auch stieß er in Gestalt von Arthur Rimbaud, Lautréamont und André Breton auf Dichter, deren rauschhafte Schreibweisen ihm geeigneter schienen, seiner eigenen kulturellen Identität auf die Spur zu kommen, als wenn er sich analytisch damit auseinandergesetzt hätte. So war er, lange bevor so etwas wie postcolonial studies existieren konnten, eine hybride Figur. „Ein Mann auf der Suche nach einer Heimat“, wie es noch der Titel einer 1975 in Dakar erschienenen Monografie formulierte, der eben diese Heimat später doch auch mental dauerhaft auf Martinique fand.

Der Weg, der ihn dorthin führte, umfasste dabei viele typische Stationen – literarisch wie politisch: Césaires erstes großes Langgedicht „Cahier d’un retour au pays natal“ (Zurück ins Land der Geburt, 1939) trägt noch präsurrealistische Züge, wohingegen ein Großteil seines lyrischen Werks bis ins Jahr 1960 einen karibischen Surrealismus begründete, der auch viele andere Anhänger der négritude inspirierte. Doch mehr und mehr gewann dabei ein politisches Element an Einfluss, das sich weder mit den Anforderungen einer écriture automatique vertrug, gegen die Césaire mit einer ebenso persönlichen wie kohärenten Metaphernwelt frühzeitig verstieß, noch mit seinen aktivistischen Interessen.

Schon während des Zweiten Weltkriegs gab er, nachdem er 1939 nach Martinique zurückgekehrt war, die militante Kulturzeitschrift „Tropiques“ heraus. 1945 schloss er sich der Kommunistischen Partei Frankreichs an und ließ sich zum Bürgermeister von Fort-de-France sowie zum Abgeordneten der französischen Nationalversammlung wählen, wo er zu einem Wegbereiter der Dekolonialisierung und der Überführung Martiniques in ein Département wurde. Nach dem Austritt aus der KPF im Jahr des Ungarnaufstands gründete er 1958 seine eigene Partei, die Parti Progressiste Martiniqais. Mit ihr kämpfte er für die völlige Autonomie seiner Heimat. Seine Gedichte konnten mit dieser Entwicklung kaum mehr Schritt halten – und nach 1969 erschienen auch kaum mehr neue Texte. Doch die Gedichte bleiben vielleicht das Bedeutendste, was Césaire hinterlässt – im Mai erscheint bei Matthes & Seitz Berlin ein neuer Auswahlband unter dem Titel „Notizen von einer Rückkehr in die Heimat“. Bekannter aber wurden auch im deutschsprachigen Raum die Theaterstücke „Und die Hunde schwiegen“ oder „Im Kongo“ – und vor allem der schmale Essay „Über den Kolonialismus“ (1950), der in Frankreich noch bis in die neunziger Jahre zum Abiturstoff gehörte. Er gehört in eine Reihe mit dem nicht minder berühmten Buch „Die Verdammten dieser Erde“ (1961) seines Landsmanns Frantz Fanon.

Die Bedeutung, die Aimé Césaire für den karibischen Raum hat, lässt sich kaum überschätzen – gerade weil er in Edouard Glissant einen würdigen theoretischen Nachfolger gefunden hat und in den Schriftstellern Patrick Chamoiseau, Jean Bernabé und Raphael Confiant erzählende Erben. Mit dem Begriff der créolité deuteten sie in ihrem 1989 veröffentlichten Manifest „Eloge de la créolité“ Césaires négritude für die spezifischen Bedürfnisse der Antillen neu. Gestern ist Aimé Césaire in einem Krankenhaus in Fort-le-France mit 94 Jahren gestorben.

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