Akademie der Künste : Magische Momente

Walter Benjamin komplett: Die Werkausgabe wurde in der Akademie der Künste vorgestellt.

Thomas Wegmann

Literaturpreise sind für die Zeit, große Werkausgaben dagegen für die Ewigkeit. Oder für das, was eine bestimmte Zeit gern ewig währen sähe. Beispiel? Wer kennt heute noch Martin Kessel. Als er 1954 den Büchner-Preis erhielt, war das Gesamtwerk des zu Lebzeiten preislos gebliebenen Walter Benjamin noch weitgehend unbekannt. Mittlerweile haben sich die Verhältnisse verkehrt: Benjamins „Gesammelte Schriften“ gibt es in 14 Teilbänden als Taschenbuchausgabe, mit Kommentaren und Lesarten versehen. Das hindert den Suhrkamp Verlag indes nicht, Benjamins Texte nun in einer neuen, auf 21 Bände angelegten Ausgabe zu präsentieren, deren erster Band – Benjamins Dissertation über den „Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik“ aus dem Jahre 1920 – gerade erschienen ist. Ist eine neue kritische Ausgabe im Fall Benjamins notwendig?

Diese Frage zu klären und die neue Edition vorzustellen, hatte sich ein breit besetztes Podium in der Akademie der Künste zur Aufgabe gemacht. Die Einführungsrede hielt Jan Philipp Reemtsma, Vorsitzender der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur, die 2004 maßgebliche Teile des Benjamin-Nachlasses für die Akademie erwarb und auch die neue Ausgabe finanziell unterstützt. Reemtsma erinnerte an eine Eigenart von Benjamins Schreiben: „In der Liebe zum Dekret liegt seine Stärke als Magier und seine Schwäche als Theoretiker.“

Die Gleichzeitigkeit von Ent- und Wiederverzauberung bildet denn auch die Crux eines Autors, der mit dem berühmten „Engel der Geschichte“ Sakrales und Profanes in einer einfachen Genitiv-Metapher derart wirksam zusammenspannte, dass Generationen von Interpreten sie kaum mehr auseinanderzubringen wussten. Und der zudem akribisch alles archivierte, was er geschrieben hatte, und mit List und Nachdruck dafür sorgte, dass zumindest der Nachwelt sein vielschichtiges Werk erhalten bleibe, wie Erdmut Wizisla ausführte, der Leiter des Benjamin Archivs.

So waren es denn auch die in den letzten Jahren aufgetauchten Nachlassteile, die immer wieder als Legitimation für eine neue Benjamin-Ausgabe angeführt wurden, gerade für sein unvollendet gebliebenes Spätwerk. Doch damit allein lässt sich die neue Ausgabe kaum rechtfertigen. Es geht um mehr, eine neue Editionskultur. Längst passé scheinen die Zeiten verstaubter Klassiker-Ausgaben, die eher Grabsteine eines Autors markierten. Die aktuellen Editionen wollen dagegen Wiederbelebungsversuche sein, Operationen am offenen Herzen – zumindest im Symbolischen. Sie haben „lebende“ Kolumnentitel und bieten faksimilierte Handschriften, die größtmögliche Nähe zum Autor verheißen, suggerieren sie doch, den Schreibprozess selbst unmittelbar abzubilden. Entsprechend prophezeite Christoph Gödde, neben Henri Lonitz Herausgeber der neuen Ausgabe, mit den Bänden des Spätwerks werde der Leser zum Archivar von Reinschriften, Abschriften und flüchtigen Notizen. Der Kanonisierungsprozess, zu dem jede neue Edition beiträgt, manifestiert sich somit als ein unabschließbarer – und das kulturelle Gedächtnis als ein offenes, in dem Daten steter Aktualisierung bedürfen. Dabei wiederum spielen Präsentationstechniken eine immer wichtigere Rolle. Nicht von ungefähr saß auf dem Podium mit Friedrich Forssman auch ein Buchgestalter und Typograph. Gestaltete Unmittelbarkeit des Schreibens – das ist das magische Moment der neuen Editionskultur, die sich nun auch der Schriften Benjamins annimmt.

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