Alain de Botton : Das Glück der Schleuse

Wenn ein Bestseller-Autor eine Auftragsarbeit verrichtet, lässt das nichts Gutes ahnen. Alain de Botton berichtet vom Leben am Terminal 5 in London Heathrow.

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Eine Woche, so die Firma Grupo Ferrovial, Eigentümer einiger Flughäfen, sollte ein Schriftsteller am Terminal 5 von Heathrow Airport in London verbringen und dabei in der Manier eines klassischen Writer-in-Residence Material für ein Buch sammeln. Alain de Botton, 1969 in Zürich geboren und heute in London zu Hause, hat sich das Angebot gut überlegt. Er hat mögliche „Leichen im Keller“ der Betreibergesellschaft gegen seine private moralische Integrität gehalten, Letztere für nicht unanfechtbar befunden und – akzeptiert. Herausgekommen ist ein so anregend kluges wie ironisch charmantes Buch, das die bösen Vorahnungen vom Tisch fegt.

Flughäfen sind vielfach kodiertes Gelände. Zunächst stehen sie in einer historischen Reihe, die vom maritimen Hafen der Antike über die Bahnhofs-Tempel des Industriezeitalters bis zu den Weltraumbahnhöfen der Science Fiction reicht. Der Flughafen, da hat de Botton ganz recht, ist ein „imaginatives Zentrum unserer heutigen Kultur“ – einer Kultur der globalen Mobilität. Aber der Airport als Transitraum ist auch sein Gegenteil: das Stabile inmitten der Flüchtigkeit des Reisens. Wer da alles am Boden bleibt: Putzfrauen, Verkäufer aus Duty Free Shops, Sicherheitsbeamte. Mitunter auch Reisende, wenn die Fluglotsen in Hamburg streiken oder der Scirocco in Palermo Starts und Landungen unmöglich macht.

Dann wird der Airport zu einer riesigen Wartehalle voll ambivalenter Potenzialität. Zum einen winkt immer ein Glücksversprechen, die Verheißung des Wegseins und eines anderen Lebens am anderen Ort. Zum anderen aber dräut Ungemach: Die Katastrophe eines Absturzes ist immer gegenwärtig.

Deswegen gibt es wenige Orte, an denen der Wille zur technischen Machbarkeit und tödliches Scheitern – Daedalus und Ikarus – so eng beieinanderliegen wie auf Flughäfen. Alain de Botton, Angestellter des Heathrow Airport auf Zeit, hat seinen Schriftstellerschreibtisch im Sommer 2009 in der Abflughalle zwischen Zone D und E stehen. Die (wegen des Fluglärms kurzen) Nächte verbringt er in einem der 605 Zimmer der Betonburg Sofitel. Tagsüber lernt er die Metaphysik des Schuheputzens kennen, trifft den geplagten Vorstandsvorsitzenden von British Airways, beobachtet Abschiede und Begrüßungszeremonien.

Den Sinn fürs Reale verliert er im entwirklichten Universum des Kommens und Gehens dennoch nicht. Er weiß, die meisten Flughäfen sind glitzernde Inseln des Luxus inmitten von hässlichen Gewerbegebieten und Autobahnzubringern. Er weiß auch, dass er an einer Schleuse arbeitet, die Eingang gewährt, aber auch ausschließt – was oft nur der zufälligen Geburt auf der „richtigen“ Seite der Welt geschuldet ist. Flughäfen könnten die prosaischsten Orte der Welt sein. 20 000 Lammkoteletts für die Bordküchen, 17 Kilometer Gepäckförderband allein unter Terminal 5 – die Logistik des Fliegens ist Bestandteil einer Ordnung, in der vom automatischen Check-in über den Instrumentenflug bis zu computergesteuerten Landesystemen alle Abläufe kontrolliert und mehrfach abgesichert sind.

Doch wo die Entzauberung am größten ist, schlägt sie um in Poesie. Die Abflugtafeln mit ihren Ortsnamen lesen sich wie Gedichte, beim Abheben eines Airbus verwandelt sich ein Haufen Metall in ein Fluggerät. Flughäfen sind Orte der Metamorphose, an denen ein Ovid seine helle Freude hätte.

Auch im Reisenden findet beim Übergang aus der luftigen Ordnung des Fliegens in die erdenschwere Unordnung des Lebens eine Rückverwandlung statt. Doch wenn er bei seiner Heimkehr vom Ankunftsterminal entlassen wird, flackert es noch einmal auf, das kurz anhaltende Wissen darum, dass sein Zuhause lediglich eine von zahlreichen möglichen Welten ist. Dank Alain de Botton – und den poetischen Fotografien Richard Bakers – kann man nun genauer wissen, was man zuvor oft nur vermutete.

Alain de Botton: Airport. Eine Woche in Heathrow. Aus dem Englischen von Bernhard Robben. Fotografien von Richard Baker. S.Fischer, Frankfurt a. M. 2010.

128 Seiten, 16,95 €.

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