Literatur : Aleph & Omega

Daniel Heller-Roazen untersucht „Echolalien“

Thomas Wild

Ein ungewöhnlicher Buchtitel: „Echolalien“. Das Wort bezeichnet das Lallen und Brabbeln kleiner Kinder, noch bevor sie sprechen können. Jene unkontrollierte Lautbildung, die man beim späteren Erwerb der Muttersprache wieder vergisst, ja vergessen muss. Aber welches Wissen wird da vergessen? Ist es unwiederbringlich verloren? Nein, sagt der in Princeton lehrende, 34-jährige Komparatist Daniel Heller-Roazen, im Gegenteil: Gerade die unerhörtesten, kostbarsten Leistungen unseres Denkens, unserer Kultur und Poesie bilden ein Echo auf jenes „Vergessen von Sprache“.

Zum Beispiel „Aleph“ – der erste Buchstabe des hebräischen Alphabets. Kanonische Kommentare der hebräischen Bibel weisen ihn als Kern und Beginn des Volkes Israel aus. Denn die Zehn Gebote auf dem Berg Sinai wurden mit den Worten „Anochi ...“ – „Ich bin der Herr, dein Gott“ – begonnen. Die kulturelle Erinnerung hieran ist lebendig, doch wie man „Aleph“ ausspricht, wurde vergessen. Niemand im heutigen Israel vermag mehr diesen Laut zu bilden.

Oft schlagen politische Eingriffe Gedächtnislücken in Sprachen. So tilgten etwa kommunistische Machthaber diverse Buchstaben und Schreibweisen aus den Sprachen Osteuropas und Chinas. Manche religiöse Quelle wurde dadurch nahezu unlesbar. „Lesbar“, aber bis heute nicht beweisbar ist die „indoeuropäisch“ genannte Verbindung zwischen dem Deutschen, Slawischen, Iranischen, Indischen. Die indoeuropäische Linguistik, eine angesehene wissenschaftliche Disziplin, erforscht daher eine „Sprache, die gewissermaßen immer schon vergessen worden sein muss“. Leichtfüßig und tiefsinnig reist Heller-Roazen durch die Kulturen und Sprachen der Jahrhunderte. In der Sprachwissenschaft von Roman Jakobson bis Noam Chomsky ist er ebenso bewandert wie in der mittelalterlichen Dichtung von Abu Nuwas bis Dante. „Echolalien“ denkt Wissenschaft und Dichtung zusammen – und erinnert somit auf wunderbare Weise an das Wissen eines heute weitgehend vergessenen, anderen Sprechens. Thomas Wild

Daniel Heller-Roazen: Echolalien. Über das Vergessen von Sprache. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2008. 289 Seiten, 26, 80 €.

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