Literatur : Alle sieben

Elliot Perlmans Roman über die vielen Seiten der Liebe

Katja Reimann

Sie war seine große Liebe zu Studentenzeiten, intelligent, humorvoll, schön und – unersetzlich, auf ewig. Über zehn Jahre lang trauert der arbeitslose, depressive und literaturbesessene 32-jährige Grundschullehrer Simon Heywood seiner Exfreundin Anna nach und ertrinkt dabei in Selbstmitleid und reichlich Scotch. Anna ist inzwischen unglücklich mit dem ungehobelten Aktienhändler Joe Geraghty verheiratet und hat einen kleinen Sohn: Sam. Eines Tages entführt Simon diesen, er will Annas Aufmerksamkeit und löst eine Kettenreaktion von Ereignissen und Bekenntnissen aus, die alle mit der Entführung zu tun haben. Und schnell ist nicht nur Simon eines Verbrechens angeklagt, es werden „die Krankheiten aller Beteiligten wie unter einer Lupe vergrößert sichtbar“.

Sieben Personen, deren Leben im australischen Melbourne auf unterschiedlichste Arten miteinander verquickt sind, erzählen in Elliot Perlmans Roman ihre Version der „Wahrheit“ und der Geschichte um Sams Entführung. Es entwickelt sich eine monumentale, komplizierte, 860 Seiten fassende Erzählung, die selbst am Ende noch, da alles gesagt zu sein scheint, eine Überraschung bereithält.

Verwirrung ist dabei Teil von Perlmans Strategie. Der Roman beginnt mit dem Satz „Fast hätte er Sie gestern abend wieder angerufen.“ Es braucht ein wenig, um herauszufinden, wer „er“ ist und wer diese „Sie“. Denn die sieben Sektionen des Buches werden nicht nur von unterschiedlichen Personen erzählt, sondern richten sich gelegentlich auch an andere Charaktere. Eine Idee, die überzeugender funktionierte, sprächen nicht alle dieselbe Sprache. Sei es die couragierte Prostituierte Angela, die mit einer beginnenden Multiple Sklerose kämpft. Sei es der Börsenmakler, dem gerade – zeitgleich mit dem Scheitern seiner Ehe – ein großer Geschäftsdeal geplatzt ist.

Perlmans Prosa dagegen ist unkompliziert und direkt. Ärgerlich sind lediglich seine häufigen Abschweifungen, die mit der eigentlichen Geschichte rein gar nichts zu tun haben. Kritik an der neoliberalen Wirtschaftspolitik, am australischen Gesundheitsmanagement, ein Plädoyer für die einzig „richtige“ Kindererziehung – all dies zeigt Perlmans Absicht, mit seiner Heimat abrechnen zu wollen. Doch eine Tirade auf den literarischen Dekonstruktivismus? Die lässt sich höchstens auf Perlmans offensichtliche Überzeugung zurückführen, Lyrik könne selbst tiefste seelische Wunden heilen – wenn man sich nur alle postmoderne Theorie vom Leibe hält.

„Sieben Seiten der Wahrheit“ bräuchte diese belehrenden Passagen nicht. Denn bereits die sieben Lebensgeschichten, die Perlman so geschickt verbindet, sind gute Beispiele dafür, wie Lebensumstände Menschen beeinflussen und letzlich alles mit allem zusammenhängt.

Elliot Perlman: Sieben Seiten der Wahrheit. Roman. Aus dem Englischen von Matthias Jendis. DVA München, 2008.

864 Seiten, 22,95 €.

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