Alles über Sally : Effi und Emma tun es

Bürgerlicher Beziehungswahnsinn: Arno Geigers Roman „Alles über Sally“. Allerdings ist Geigers Titelheldin höchstens eine entfernte Verwandte von Madame Bovary, Effi Briest und Co..

Marianna Lieder
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Es geht ihm gut. Der 2005 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnete Schriftsteller Arno Geiger. Foto: picture-alliancepicturedesk.com

Vor dreihundert Jahren wurden Transfusionen zum Ausgleich zwischen Eheleuten empfohlen, dem melancholischen Mann hat man das Blut der lebensfrohen Gattin verabreicht. Leider haben nur wenige die Prozedur überlebt, weshalb sie auch längst nicht mehr in Mode war, als um 1900 in Wien die Blutgruppen entdeckt wurden. Gegenüber seiner Frau Sally bringt Alfred diese Art von nutzlosem Wissen bisweilen ins Gespräch, um einem sich anbahnenden Streit vorzubeugen. Beide sind seit drei Jahrzehnten verheiratet, leben im Wien des Jahres 2008 und sind das ungleiche Paar aus Arno Geigers fünftem Roman „Alles über Sally“. Darin untersucht der österreichische Schriftsteller, der 2005 für „Es geht uns gut“ mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde, die Bindekräfte einer in die Jahre gekommenen Ehe.

Alfred und Sally haben sich Ende der siebziger Jahre kennengelernt, sind mittlerweile über fünfzig und haben drei erwachsene Kinder. Während sich der mit der Zeit etwas behäbig gewordene Museumskurator beruflich wie privat der „Mentalität des Bewahrens“ verschrieben hat, reagiert die abenteuerlustige, dank Kosmetik und Sport attraktiv gebliebene Englischlehrerin allergisch auf Konventionelles und Gewohnheitstrott. Alfred hat seine Freude am Sicheren und Beständigen, und beständig sind auch die Gefühle für seine Frau. Sieht er sie nackt, meint er „noch immer ein Wunder“ vor Augen zu haben. Sally ist weniger stetig: Mal ist es die routinierte Zärtlichkeit des „Uhrmachers für sein liebstes Stück“, mal spottlustige Gereiztheit, die sie ihrem Mann entgegenbringt.

Die eingespielte Beziehung gerät vorübergehend aus dem Lot, als beide nach einem England-Urlaub die heimischen vier Wände von Einbrechern verwüstet vorfinden. Alfred reagiert auf die Schändung häuslicher Intimität mit Fatalismus, Weinerlichkeit und dem permanenten Tragen seines medizinisch nicht notwendigen Kompressionstrumpfes. Sallys anfängliches Mitgefühl schlägt schnell in Verachtung um, und sie flüchtet sich in eine Affäre mit Erik, dem männlichen Teil des befreundeten Ehepaares von nebenan.

Neu ist das Thema Ehebruch weder für Sally, die sich schon früher außer Haus getröstet hat, noch für die Literaturgeschichte. Allerdings ist Geigers Titelheldin, die zwei ihrer Kinder Emma und Gustav genannt hat und kurz mit dem Gedanken kokettiert, ihre für den „bürgerlichen Beziehungswahnsinn“ exemplarischen Verstrickungen als „den großen europäischen Roman“ veröffentlichen zu lassen, höchstens eine entfernte Verwandte von Madame Bovary, Effi Briest und Co.. Die großen Ehebrecherinnen des 19.Jahrhunderts bei Flaubert und Fontane gingen an einer Mischung aus rigiden Sittenkodizes, zerbrochenen romantischen Wunschträumen und/oder Kaufsucht zugrunde.

Bei Geiger ist ein grausames Ende von Anfang an unwahrscheinlich: Abgesehen davon, dass man sich mit einem Seitensprung im Mitteleuropa der Gegenwart nicht mehr der Gefahr der existenzvernichtenden gesellschaftlichen Ächtung aussetzt, verfügt Sally zwar über eine rege Libido, dafür aber über keinerlei Hang zu Selbstzerstörung, tragischem Idealismus und Pathos. Sie ist die Anti-Hysterikerin, eine pragmatische, realitätszugewandte Hedonistin.

Gänzlich unerwartet lässt Erik dann sowohl seine Frau als auch Sally wegen einer jungen Russin sitzen. Die betrogene Betrügerin trifft sich mit ihm zum undramatischen Abschiedssex im Hotel, tröstet danach seine verlassene Frau und besinnt sich allmählich wieder auf die Liebe zu ihrem Mann, dessen Beständigkeit in neuem Licht erstrahlt. Dass es dem gehörnten Gatten letztlich gleichgültig ist, wer ihm Sally diesmal wieder in die Arme getrieben hat, erfährt man im vorletzten Kapitel. In einer von Joyces Molly-Monolog inspirierten Litanei schildert Alfred seine Sicht der Dinge. Ohne diesen punktlos vorgetragenen, vierzigseitigen Rehabilitationsversuch wäre er vollends zum phlegmatisch-schrulligen Statisten im Lebens- und Liebeskosmos seiner Frau verkommen.

In seinem ganzen Facettenreichtum wird Sallys mäßig spannendes Innenleben in erlebter Rede wiedergegeben, von betulichen Glücksmomenten: „Gott sei Dank hatte sie ihre Gartenpflanzen schon unter Dach und Fach“ bis hin zu fleischlichen Wonnen beim Sex mit Erik: „Richtig geil. Eindeutig gehobene Kategorie.“ Das Ärgerliche an Sally ist nicht, dass hinter ihrer vermeintlichen Unkonventionalität immer unverkennbarer Biederkeit und aufgeblasener Individualitätsanspruch zum Vorschein kommen, sondern dass Geiger seine missglückte Figur offenbar für spannend hält. Als Erzähler geht er völlig in Sally auf und lässt sie gewähren. Es gibt keinen distanzierenden Tonfall, der das Unspektakuläre ihres Bewusstseins auf eine höhere, weniger banale Ebene bringt. Lange bevor der Leser alles über Sally erfahren hat, sind ihm die Fragen ausgegangen.

Arno Geiger: Alles über Sally. Roman. Carl Hanser Verlag, München 2010.

363 Seiten, 21,50 €.

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