Literatur : Alltag von Weltbedeutung

Werner Bräunigs nachgelassene Erzählungen „Gewöhnliche Leute“

Katrin Hillgruber

Als im März des vergangenen Jahres Werner Bräunigs 700-Seiten-Roman „Rummelplatz“ erschien, geriet diese Veröffentlichung zu einer literarischen Sensation und verspäteten Wiedergutmachung. Was ein Arbeiter geschaffen hat, so Bräunig, das zerstört er nicht: Das ungedruckte Romanmanuskript hatte Bräunig in seiner Hallenser Einzimmerwohnung in Schnellheftern aufbewahrt, ebenso unveröffentlichte Erzählungen. 1976 erlag er mit 42 Jahren seiner Alkoholsucht.

Der ehemalige Schlosser und Vagabund zwischen den Besatzungszonen, der Papierarbeiter, Bergmann und sprachbegabte „Volkskorrespondent“: Ihn hatte der junge Staat DDR als sein Talent erkannt und gefördert – und dann wieder verstoßen. Die SED verhinderte 1965 die Veröffentlichung von „Rummelplatz“. Nach zermürbenden Selbstrechtfertigungs-Ritualen verlor Bräunig außerdem seine Dozentenstelle am Leipziger Literaturinstitut. Vielmehr: Die Institutsleitung suspendierte ihn unter Beibehaltung des Dienstverhältnisses und entsandte ihn zur SED-Bezirkszeitung „Freiheit“ in Halle. Dort sollte er Erbauliches über die Errichtung des Trabantenviertels Halle-Neustadt berichten.

Diese für das Selbstverständnis der DDR so zentralen Aufbau-Motive fanden Eingang in Erzählungen wie „Der schöne Monat August“ oder die Titelgeschichte „Gewöhnliche Leute“. Deren Held, ein Brückenbauer, heißt bezeichnenderweise Stütz, Hannes Stütz. Nach den üblich exemplarischen Konflikten mit sich und dem Kollektiv entwickelt er sich auf dem Bau schließlich zu einer Stütze der Gesellschaft.

Ein bewusst leutseliger, an der wörtlichen Rede orientierter Ton prägt die erstmals 1969 erschienenen Erzählungen, eine rückversichernde Überkommentierung. Werner Bräunig musste sich bei den offiziellen Stellen bewähren, zulasten seines Stils. Mit dem resignativen Zitat „Ach, wie geht man von sich selber fort?“ überschreibt Angela Drescher ihr Nachwort dieser Neuedition. Sie ergänzte „Gewöhnliche Leute“ um einige brisante Texte. „Stalins Blick“ etwa oder das „Rundschreiben an die Vereinigten Spannbetonwerke“, ein parodistisches 18-Punkte-Programm: „11. Die Sorge um den Menschen hat im Mittelpunkt zu stehen. Entsprechende Hinweisschilder sind anzubringen. 15. Es ist immer daran zu denken, dass der Sozialismus siegt.“

Werner Bräunig schickte den Text seiner späteren zweiten Frau, als sie ein Praktikum bei den Spannbetonwerken machte. Der Brief aber wurde entwendet und an die werkseigene Wandzeitung geheftet – neuer Ärger für den unbotmäßigen Autor. „So einer bezahlt seine Rechnungen immer aus der eigenen Substanz“, heißt es an einer Stelle hellsichtig. Bräunig muss mit dieser Aussage in erster Linie sich selbst gemeint haben.

Seine nachgelassenen Erzählungen lesen sich bedauerlicherweise als Dokument der Anpassung und Einschüchterung. Selbst Liebesszenen wirken oft hölzern, da der höhere Zweck des sich im Kombinat oder der HO-Gaststätte bildenden Paares die Eingliederung ins große Ganze ist. Nur manchmal blitzen der Sprachwitz und die vitale Frechheit von „Rummelplatz“ hervor, so in den Naturbeschreibungen von „Der schöne Monat August“. Der geschilderte Wald samt Libellen und Rebhühnern musste Halle-Neustadt weichen. „Alltag von Weltbedeutung“ habe er darstellen wollen, bekannte Werner Bräunig spöttisch. Doch er verausgabte sich damit, die korrekte Verarbeitung von Plastputz zu rühmen. Die bornierten Zeitgenossen haben es ihm nicht gedankt.

Werner Bräunig: Gewöhnliche Leute. Erzählungen. Aus dem Nachlass herausgegeben und mit einem Nachwort von Angela Drescher. Aufbau Verlag, Berlin 2008.

176 Seiten, 19, 80 €.

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