Literatur : „Als ob man einen verborgenen Schatz hebt“

81 000 Schreiben in unzähligen Kisten: Literaturwissenschaftler der Freien Universität Berlin digitalisieren den Briefnachlass Gerhart Hauptmanns.

David Bedürftig
Aushängeschild deutscher Kultur zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Der Dramatiker und Schriftsteller Gerhart Hauptmann, hier mit seiner Ehefrau, erhielt 1912 den Literaturnobelpreis.
Aushängeschild deutscher Kultur zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Der Dramatiker und Schriftsteller Gerhart Hauptmann, hier mit...

„Liebe, inniggeliebte Maus! Mein lieber geliebter Vater und mein altes gutes Mütterchen, mein treuer, braver Zarle und Du stillwürdige Pin, Ihr meine lieben guten Bengels, die ich so im Herzen hab — lebt wohl, alle wohl!“ Als Gerhart Hauptmann 1896 diesen Abschiedsbrief schrieb, war er auf der Höhe seines Ruhms: Dem schlesischen Schriftsteller war 1889 mit den Dramen „Vor Sonnenaufgang“ und 1892 mit „Die Weber“ der Durchbruch gelungen. 1912 ehrte man ihn mit dem Literaturnobelpreis – für das Deutsche Kaiserreich und im Ausland war er das Aushängeschild deutscher Kultur.

Die Suizidgedanken verwarf Hauptmann – er starb erst 50 Jahre später im Alter von 83 Jahren –, dem Verfassen von Briefen blieb er treu. Als Vertreter der kulturellen und intellektuellen Elite pflegte Hauptmann den Briefwechsel wie kaum ein anderer. Von Bebel bis Goebbels, von Mahler bis Strauss, von Rathenau bis Liebermann: Die zu der damaligen Zeit führenden Köpfe tauschten ihre Gedanken mit dem Dramatiker aus, planten gemeinsame Projekte, versuchten, ihn für ihre Ziele zu gewinnen.

„Gerhart Hauptmann gehörte seinerzeit zu den einflussreichsten Persönlichkeiten Deutschlands“, sagt Peter Sprengel, Professor für Neuere deutsche Literatur an der Freien Universität Berlin. Seit vielen Jahren beschäftigt er sich mit dem Dramatiker. Seit März fördert die Deutsche Forschungsgemeinschaft ein Projekt, in dessen Rahmen Hauptmanns Briefnachlass elektronisch erfasst wird. Peter Sprengel und Projektleiter Tim Lörke, promovierter Literaturwissenschaftler der Freien Universität, arbeiten mit der Staatsbibliothek zu Berlin zusammen, deren Eigentum der Nachlass seit Ende der sechziger Jahre ist. „Die Briefe Hauptmanns sind einer der größten Nachlässe der deutschen Literaturgeschichte überhaupt“, schwärmt Sprengel. Was sich dort finde, gleiche einem verborgenen Schatz.

Der Vergleich mit einer Schatzsuche scheint keineswegs übertrieben: 81 000 Briefe enthält der Nachlass insgesamt, Sprengel und Lörke konzentrieren sich zunächst auf die 6000 von Hauptmann selbst verfassten. Spannend ist nicht nur der Inhalt, auch der Zugangsweg zu den Schriften klingt abenteuerlich: „Die Katakomben der Staatsbibliothek sind ein riesiger Komplex mit endlos langen Tunneln“, sagt Tim Lörke. Aus dem bewachten Magazin dürfen die Literaturforscher die Briefe nicht nehmen, sie dürfen sie lediglich in einen anderen Arbeitsraum des Komplexes bringen. Dort durchstöbern die Wissenschaftler Berge von Papier – eine langwierige Aufgabe. „Der Briefnachlass ist in einem traurigen Zustand“, sagt Peter Sprengel. Weder richtig katalogisiert noch aufbearbeitet, finden sich die Briefe in Hunderten nur unvollständig geordneter Kästen. Doch die Schatzsuche hat für den Literaturprofessor auch gute Seiten: „Man macht richtige Entdeckungen, das ist sehr spannend!“

Zu dem Team der Schatzsucher gehört neben den Literaturwissenschaftlern der Freien Universität und weiteren Mitarbeitern der Staatsbibliothek auch Jutta Weber. Die promovierte Latinistin und stellvertretende Leiterin der Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin hat die bibliothekarische Leitung des Projektes. Die Forscher möchten anderen Wissenschaftlern überall auf der Welt die Briefe Hauptmanns zugänglich machen. Auch die Person wolle man etwas mehr ins Licht setzen. „Die Figur Hauptmann ist heute in den Hintergrund geraten, was sicher auch mit der zwiespältigen Rolle des Autors im Dritten Reich zusammenhängt“, sagt Sprengel. Zwar finde sich kein Beleg für die Behauptung, Hauptmann habe 1933 der NSDAP beitreten wollen, und von einer Identifikation des Dichters mit dem Nationalsozialismus lasse sich erst recht nicht sprechen, doch äußerte er eben auch keinerlei Kritik am Regime und blieb in Deutschland.

Die gescannten Briefe werden in der Datenbank „Kalliope“ – dem deutschen Verbundkatalog für Nachlässe und Autografen — mit Angaben zu Verfasser, Adressat, Entstehungsort und -datum online auffindbar gemacht. Wie in einer Suchmaschine lassen sich darüber hinaus über Stichwörter und Personen diejenigen Briefe finden, in denen die Suchbegriffe erwähnt werden. Zusätzlich zu dieser Indexierung erstellen Sprengel und Lörke sogenannte Regesten, in denen der Inhalt von Hauptmanns Briefen jeweils nach objektiven Kriterien zusammengefasst wird. Die Erschließung des Briefnachlasses geht über die Fundstücke in der Staatsbibliothek hinaus: Neben den 81 000 Schreiben, die dort liegen, finden sich weitere Briefe in Bibliotheken und Archiven des In- und Auslandes sowie in Privatbesitz. Sprengel und Lörke hoffen deshalb, dass das auf zwei Jahre angesetzte Projekt verlängert werden kann. Bis dahin bleibt noch Zeit, überraschende Schätze aus den Tiefen der Hauptmann-Kisten zu fischen. „Ich hätte beispielsweise nie erwartet, dass Hauptmann darüber nachdachte, gemeinsam mit Richard Strauss eine Oper zu schreiben“, sagt Lörke. „Die Briefe lassen erkennen, wie verbunden das Wirken der Vertreter unterschiedlicher kultureller Richtungen in einer Epoche war.“ Nicht nur die Kulturgeschichtsschreibung der Weimarer Republik sehe man durch die Lektüre der Briefe mit anderen Augen, sondern auch Hauptmanns Rolle während der beiden Weltkriege. „Im Ersten Weltkrieg hat er sich auf die Seite der Kriegspolitik gestellt“, sagt Sprengel, „im Dritten Reich war er hin- und hergerissen zwischen nationaler Identität und dem Leiden der Opfer.“ Aus Goebbels’ Tagebüchern lasse sich die Abneigung des Reichspropagandaministers gegen den Dramatiker ersehen, dennoch habe jener mehrmals versucht, Hauptmann für Propagandazwecke zu gewinnen. Über die eigentliche Haltung des Autors in dieser Zeit geben auch seine Briefe an vertraute Freunde am ehesten Auskunft.

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