Alte BRD : Das Paradies als Wille und Vorstellung

Jutta Voigt erzählt, dass kein Land so schön war wie die alte Bundesrepublik - vom Osten aus betrachtet.

David Ensikat

Was war die DDR? Ja, schon recht, ein „Unrechtsstaat“. Auch eine Diktatur. Außerdem ein Land mit Paradies. Nicht von den Verheißungen namens Sozialismus, Kommunismus ist die Rede. Die DDR hatte ihr Paradies zu Lebzeiten, gleich nebenan. Es trug den simplen Namen Westen. DDR-Bürger mit Glück (also: West-Kontakten) konnten das Paradies kosten, Westschokolade, Westkaffee, sie konnten es riechen, Westdeo, Westseife. Und sie empfingen hin und wieder Adam und Eva zu Besuch, Westbesuch.

So wenig der echte Adam und die echte Eva vor ihrem Sündenfall ahnten, dass sie sich im Paradies befanden, ahnten das die Einwohner des Paradieses namens Westen. Der Paradiescharakter erschloss sich allein den Menschen in der DDR. Denn wie kommen Paradiese zustande? Doch stets durch Sehnsucht nach dem Jenseits, dem Land, in dem es besser ist. Was es mit dieser Sehnsucht auf sich hatte, wie sie entstand und wie man mit ihr lebte, das beschreibt auf wunderbare Weise jetzt ein Buch namens „Westbesuch“. Jutta Voigt, die in der DDR schon Journalistin war, hat es geschrieben, geboren in Berlin und immer dort gelebt, also auch 28 Jahre lang mit Mauer, Sehnsucht und Paradies nebenan.

„Der Westen als Traumziel, mit seiner Unerreichbarkeit hatte seine Heiligsprechung begonnen. Jener Westen, der über aller Wirklichkeit schwebte, diese Welt voll herrlicher Dinge, die keinen Preis hatten, eine Art Kommunismus im Kapitalismus – dieser Westen war die Erfindung des Ostens, ihm gehörte der Himmel gleich nebenan, ganz und gar. Ein historisch einmaliger Überfluss an Hoffnung, wer nicht mehr weiterwusste, kannte einen geheimen Ausweg aus Liebeskummer, Midlifecrisis, Weltschmerz und Ehekrach. Sehnsucht ist besser als Selbstmord. Es gab einen glitzernden Notausgang, der führte in ein Land, das besser schien als alles und den großen Vorteil hatte, utopisch fern und durch nichts zu entzaubern zu sein.“

Was soll uns das heute interessieren? Das West-Paradies gibt es nicht mehr, weil es die DDR nicht mehr gibt. Lauter Geschichten aus längst vergangenen Zeiten, Sehnsüchte und Schicksale, die Geschichte sind. Nicht wenige meinen, es gäbe Wichtigeres zu erzählen, Zeitgemäßeres als die Ost-West-Kamellen. Besonders viele Ex-Adams und Ex-Evas sind dieser Meinung - wen wundert das, sie wussten nichts von ihrem Paradies, ihnen ist es nicht abhanden gekommen.

Die Geschichten, die Jutta Voigt erzählt, handeln durchaus nicht nur von dem, was man im engen Sinne unter „Westbesuch“ verstand. Sie handeln allesamt vom großen Hin und Her in den Zeiten der deutschen Teilung, sie handeln davon, wie der Westen in den Osten drang und wie manch Ostler in den Westen. Lauter Löcher in der Mauer.

Da ist ein junger Mann, M., der im Westen beim Bund war, danach zwei Jahre Abenteuer erleben will, statt zur Fremdenlegion in die Zone geht, einfach so, und der lernen muss, dass man in Mauerzeiten nicht die Seiten wechselt, einfach so. In der DDR sitzt er sieben Monate im Knast, die Bundesrepublik verurteilt ihn später zu sieben Monaten auf Bewährung.

Da ist Hildegard Kruse, die mit Mann und Kindern in den Westen flieht, die Tochter, volljährig geworden, zieht zurück in die DDR, bekommt ein Kind. Frau Kruse darf sie nicht besuchen, sie vergeht vor Sehnsucht - und durchdringt die Grenze Richtung Osten auf allen Vieren. Zwei Wochen bleibt sie dort, als illegaler Westbesuch. Auf dem Schleichweg zurück wird sie gefasst, kommt ins Gefängnis, wird ausgewiesen und zieht später ganz zurück in ihre alte Heimat Ost.

Da sind die Gymnasiasten aus Hessen, zu Besuch im Osten, der ihnen lächerlich erscheint und langweilig. Bis sie zu Fluchthelfern werden, allesamt. Und da ist Jutta Voigt, Filmkritikerin beim Sonntag, einer DDR-Zeitung, der die höchste Auszeichnung zuteil wird, die ihr Land zu vergeben hat: Sie darf mal rüber, auf Westbesuch. Sie steht auf dem Bahnsteig, Bahnhof Friedrichstraße, an einer weißen Linie. Der Zug aus dem Westen fährt ein, der sie auch in den Westen bringen wird. Zunächst steigen die Westbesucher aus, darunter eine alte Frau, die ihre schweren Taschen kaum aus der Tür hinaus bekommt. Jutta Voigt steht an der weißen Linie, die sie erst übertreten darf, nachdem der Zug von Grenzsoldaten durchkämmt worden ist und das Signal ertönt. Sie traut sich nicht, der alten Frau zu helfen, die Linie am Boden – eine Mauer. So kurz vorm Paradies setzt man doch nichts aufs Spiel.

Lauter Geschichten, kleine, große, in denen es nicht um Helden und um Schurken geht, sondern um Menschen. Da wird nicht vorgeschrieben, wie man die DDR zu nennen habe, Jutta Voigt schreibt auf, wie es sich anfühlte, in einer Welt zu leben, die zweigeteilt war. Beschönigt wird die DDR an keiner Stelle, im Gegenteil: Die grotesken Beschönigungen, mit denen der Osten den Westen versah, lassen den Osten selbst nur umso trister erscheinen. Und sie lassen ahnen, dass das, was „Ostalgie“ genannt wird, ebenso gut „Westalgie“ heißen könnte. Nicht, weil sich jemand nach dem Westen, wie er war, zurücksehen würde, sondern nach dem Westen, wie man ihn sich vorstellte. So ein schönes Land (das es nie gab) wird''s nimmer geben.

Also noch einmal: Wozu brauchen wir Geschichten aus der Zeit der Teilung? 20 Jahre sind vergangen. Zum einen sind es einfach gute Geschichten, ebenso zeitlos wie alle guten Geschichten von Sehnsucht, Trennung und Wiedersehen. Zum anderen sind die alten Dinge noch lange nicht verwunden. Selbstverständlich gibt es noch die Ostler und die Westler. Was ist schlimm daran? Was ist verwerflich an unterschiedlichen Erfahrungen, die den Blick aufs Heute unterschiedlich prägen? Man sollte drüber reden, nach wie vor. Und wenn man es tut wie Jutta Voigt, dann ist das nicht nur lehrreich, sondern rührend und unterhaltsam dazu.

Und damit niemand denkt, hier ginge es nur um die geschundene Seele Ost, um die sich gewöhnlich alles dreht, wenn Jubiläum, DDR und Wiedervereinigung drübersteht, nun ein paar Zeilen aus dem Buch, die sich der Westlerseele widmen, die es so leicht auch nicht hatte: „Du im Westen planst deine Fahrt zu den Verwandten wie eine Weltreise, kein Land ist exotischer als die DDR, keines schwieriger zu erreichen, nirgendwo musst du öfter um Erlaubnis bitten, nirgendwo wirst du so häufig kontrolliert, verdächtigt, aufgehalten, weißt du noch? Du fragst in Briefen nach den Wünschen der Verwandten und Freunde im Osten. Du gibst dir Mühe, die Aufträge zu erfüllen, die Armen müssen schließlich in der Zone leben. Du willst alles richtig machen. Genießt den Grusel an der Grenze auch irgendwie. Kommst dir wie ein Held vor, wenn es dir gelingt, einen Schnittmusterbogen durchzuschmuggeln. Es ist dir peinlich, wie sich die Ostler für jede Kleinigkeit überschwänglich bedanken. Wie sie sich klein machen, um dich großzügig zu stimmen. Aber erhebend ist es doch, derart geehrt und geschätzt zu werden, ja überschätzt zu werden.“

Vor ein paar Wochen erschien ein Zeitungstext des Schriftstellers Maxim Biller, in dem es ebenfalls um das Verschwinden des alten Paradieses Westdeutschland ging, wenn auch aus ganz anderer Perspektive. Biller lebte zu Paradieszeiten im Westen (und schrieb damals Texte, die eher klangen, als fühle er sich in der Hölle). Heute wohnt er da, wo einstmals Zone war, in Berlin-Mitte.

Das, was die Zonenkinder damals wussten, das hat er jetzt erkannt: wie schön seine alte, verschwundene Heimat war. Das „coolste, freieste Land der Welt“ sei seine Bundesrepublik gewesen. Bis die Ostler kamen, Thierse, Merkel, Zonengabi. Die hätten alles kaputt gemacht durch Kleinmut, Untertanengeist und Druckserei, sagt Biller.

Die Schuldnummer ist natürlich fies, aber man muss sie ihm nicht übel nehmen. So was passiert, wenn einer sagen will, dass früher alles besser war. Das passiert auch ehemaligen Pionierleitern aus Hellersdorf, nur dass für sie die Westler schuld sind, Kohl, Ackermann – auch Biller, wenn man ihn in Hellersdorf nur kennte. Die Schuldsache lassen wir mal weg. Schön ist aber die Vorstellung, dass ein ehemaliger Adam, ist er nur sensibel genug, doch nachvollziehen kann, wie es damals den Brüdern und Schwestern hinterm Zaun gegangen sein mag. Diese Sehnsucht nach der Bundesrepublik, die es nicht mehr gibt und niemals gab.

Jutta Voigt:

Westbesuch.

Vom Leben in den Zeiten der Sehnsucht.

Aufbau Verlag, Berlin 2009. 228 S., 16,95 €.

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