Literatur : Am Ohr Gottes

Yasmine Ghatas Märchen „Die Târ meines Vaters“

Ulrike Baureithel
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Dass hier ein Roman erzählt würde, ist eine verkaufsstrategische Irreführung. Wollte man das schmale Bändchen, das den Titel „Die Târ meines Vaters“ trägt, überhaupt einordnen, wäre Märchen vermutlich die adäquateste Bezeichnung. Nach dem Tode des berühmten Târ-Spielers Weißbart geht das doppelbäuchige Zupfinstrument, wie es die Tradition will, an seinen ältesten Sohn Hossein über, denn „nur der älteste Sohn kann es aus seiner Trauer herausholen“. Doch die Târ verweigert sich, sie will die mystischen Töne einfach nicht von sich geben. Denn in die Laute, erzählt Weißbarts jüngster Sohn Nur, „waren die Sünden meines Vaters eingeschlossen“.

Schließlich schickt die Witwe ihre beiden Söhne in die heilige Stadt Ardabil, um das Instrument reparieren zu lassen. Doch auf dem Weg dorthin geraten sie in Gefangenschaft von Parvis, der den Mord an seinem blinden Vater Mohsen rächen will. Mohsen war selbst ein begnadeter Târ-Spieler „am Ohr Gottes“ und wurde von den Bewohnern der Stadt als Heiliger verehrt.

Aus der rückblickenden Perspektive der drei Söhne und der Ehefrau Weißbarts, Forough, erschließt sich ein häusliches und kriminelles Drama, das in der Târ seinen Resonanzraum findet. Doch im Unterschied zu Yasmine Ghatas brillantem Debüt „Die Nacht der Kalligraphen“ mangelt es diesem nun hinterhergeschickten Buch an erzählerischem Fleisch und konkreten Koordinaten. Während die Autorin in ihrem Debütroman in der opulenten Kalligraphie Rikkats eine sehr berührende und verzaubernde Familiengeschichte in dem sich zur Moderne hinwendenden Istanbul ausmalte, entlockt sie den Saiten der Târ ein eher minimalistisches lehrhaftes Klangstück.

Dennoch birgt auch dieses Prosawerk Sätze und Passagen von bestechender Schönheit, die das orientalische Erbe von Yasmine Ghata – sie ist die Tochter der libanesischen Schriftstellerin Vénus Khoury Ghata – nicht verhehlen und unseren abendländischen Erzählpurismus beschämen. Wie sie die Târ zum Resonanzkörper der Liebe macht und wie ihre Sprache gleich der Musik die „versperrten Wege“ überwindet, ist, in ganz altem Sinne, ganz wunderbar.

Ulrike Baureithel

Yasmine Ghata: Die Târ meines Vaters. Roman.

Aus dem Französischen von Andrea Spingler. Ammann Verlag , Zürich 2009.

123 Seiten, 16, 95 €.

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