Annemarie Schwarzenbach : Die unheilbar Reisende

Flucht und Sucht: Das Literaturhaus Berlin ehrt die Schweizer Autorin Annemarie Schwarzenbach.

Nadine Lange

„Eine Frau zu sehen: nur eine Sekunde lang, nur im kurzen Raum eines Blickes, um sie dann wieder zu verlieren, irgendwo im Dunkeln eines Ganges, hinter einer Türe, die ich nicht öffnen darf.“ So fulminant beginnt die 21-jährige Annemarie Schwarzenbach am 24. Dezember 1929 einen 60 Manuskriptseiten langen Text. Es ist eine Novelle, ihre zweite nach „Erik“, die in der „Neuen Zürcher Zeitung“ abgedruckt wird. Doch die neue Geschichte erscheint nirgends. Erst 77 Jahre nach ihrer Entstehung hat Annemarie Schwarzenbachs Großneffe, der Historiker Alexis Schwarzenbach, sie nun im Schweizerischen Literaturarchiv Bern entdeckt und unter dem Titel „Eine Frau zu sehen“ (Kein & Aber, 76 S., 12,90 €) herausgegeben.

Ein bemerkenswerter Text. Hier bereits lässt sich der für Schwarzenbach typische Stil der mäandernden Sätze und der poetisch aufgeladenen Sprache erkennen. Darüber hinaus ist dies Schwarzenbachs einziges bekanntes Werk, das eine eindeutig lesbische Perspektive einnimmt. Schon mit 20 Jahren schrieb sie einem Freund, dass sie „nur Frauen mit wirklicher Leidenschaft lieben“ könne. Später hatte die meist Anzüge und Kurzhaarschnitt tragende Autorin vor allem Beziehungen zu Frauen, was in ihre Literatur jedoch allenfalls verschlüsselt einging. In „Eine Frau zu sehen“ nun verliebt sich die junge Ich-Erzählerin während der Ski-Ferien in eine ältere Frau. Sehnsuchtsvoll hofft sie auf eine zufällige Begegnung in der Hotellobby. Ein wenig „Tod in Venedig“ unter veränderten Vorzeichen schwingt hier mit.

Das Manuskript von „Eine Frau zu sehen“ wird derzeit in einer gleichnamigen Ausstellung gezeigt, die Alexis Schwarzenbach anlässlich des 100. Geburtstags seiner Großtante für das Züricher Museum Strauhof konzipiert hat. In leicht verkleinerter Form ist die Schau gerade ins Literaturhaus Berlin übergesiedelt. Ihr Herzstück bildet ein etwa hüfthohes, den ganzen Hauptraum ausfüllendes Holzmodell, das Annemarie Schwarzenbachs Leben als kurvenreiche Passstraße darstellt. Der weiß lackierte Weg ist gepflastert mit Fotos, Zitaten, Reisepässen und den Namen der fernen Orte, deren Klang sie immer wieder anzog. Das ist eine schöne Idee, denn darin materialisiert sich ihre Abenteuerlust – und ihre Liebe zu den Schweizer Bergen, in die sie immer wieder zurückkehrte.

In der schneeumtosten Nacht des 23. Mai 1908 wird Annemarie Schwarzenbach als drittes von fünf Kindern in eine reiche Zürcher Seidenfabrikantenfamilie geboren. Sie möchte zuerst General, später Tänzerin oder Pianistin werden, absolviert dann aber ein Geschichts- und Germanistikstudium, das sie 1931 mit einer Promotion abschließt. Kurz zuvor hatte sie die Geschwister Erika und Klaus Mann kennen gelernt. Sie verliebt sich unglücklich in Erika und betrachtet die Manns fortan als ihre „Adoptiv-Familie“, was zusehends zu Konflikten mit ihrer Ursprungsfamilie führt.

Nach Erscheinen ihres erfolgreichen Romandebüts „Freunde um Bernhard“ geht Schwarzenbach im Herbst 1931 nach Berlin, wo sie in Charlottenburg wohnt und sich ausgiebig ins Nachtleben wirft. Mit ihrer androgynen Erscheinung verdreht sie sowohl Männern als auch Frauen den Kopf. Die Berliner Fotografin Marianne Breslauer schrieb in ihren Memoiren: „Annemarie war das schönste Lebewesen, dem ich je begegnet bin. Ich habe später auch Greta Garbo kennen gelernt, deren Gesichtszüge vielleicht noch makelloser wirkten, aber Annemarie war ein Mensch, von dem man zunächst wirklich nicht wusste, ob sie Mann oder Frau war; wie der Erzengel Gabriel vor dem Paradiese stehend erschien sie mir.“ Breslauer hat Schwarzenbachs Schönheit immer wieder im Bild festgehalten. Einige Beispiele wie etwa die zauberhafte Serie aus Lenzerheide zeigt die Ausstellung.

Angeregt durch Breslauer, beginnt Schwarzenbach selber zu fotografieren und dokumentiert so ihre Orientreisen, über die sie für Schweizer Zeitschriften berichtet. Ihre rund 300 Reisefeuilletons sowie die mehreren tausend Fotografien, sind ein wichtiger, wenn nicht gar der wichtigste Teil ihres Werkes. Prägnant schrieb Schwarzenbach, die sich selbst eine „unheilbar Reisende“ nannte, über Persien, Afghanistan oder Afrika.

Im Jahr 1936 fährt sie in die USA, um „herauszufinden, was im amerikanischen Süden wirklich vorgeht“. Auf erstmals abgezogenen Fotos kann man im Literaturhaus ihren Blick auf dieser Reise nachvollziehen. Wie so oft richtet er sich auf die Außenseiter: Ein Schwarzer und ein Weißer lungern vor einer Arbeitsvermittlung herum, ein altes weiße Paar sitzt auf einer Holzterrasse, während im Hintergrund eine Zigarettenreklame prangt, ein struppiges Kleinkind steht verlassen auf einem Weg. Es sind eindrucksvolle, stets im quadratischen Format gehaltene Reportagebilder, die eine ausführlichere Ausstellung wert wären.

Die Reisen waren für sie oft auch Flucht. Vor allem ihrer Morphiumsucht versuchte sie immer wieder zu entkommen. So hatte ihre berühmteste Expedition – die 1939 mit der Ethnologin Ella Maillart unternommene Autofahrt von Genf nach Kabul – den ausdrücklichen Zweck einer Entziehungskur. Dies misslang wie auch viele weitere Versuche. Klinikaufenthalte, Selbstmordversuche sowie Zerwürfnisse mit Freunden und Familie bilden ein Konstante in Annemarie Schwarzenbachs Leben.

Am 6. September 1942 stürzt sie im schweizerischen Sils vom Fahrrad, fällt mit schweren Kopfverletzungen in ein dreitägiges Koma. Man diagnostiziert ihr unsinnigerweise einen schizophrenen Schub, traktiert sie mit Elektroschocks und einer Insulinkur. Die Ausstellung dokumentiert neben den Krankenberichten auch Schwarzenbachs letzte Schreibversuche vor ihrem Tod am 19. November. Es sind zwei Briefe, in denen ihre einst kraftvoll geschwungene Handschrift zum Gekrakel geworden ist. Diese Blätter zu sehen ist erschütternd, lässt jedoch auch erahnen, wie stark bis zuletzt ihr Schreibwille war. Die Liebe zum Wort war die einzige wirklich glückliche Liebe der Annemarie Schwarzenbach.

Literaturhaus Berlin, Fasenenstr. 23,

bis 3. August, täglich außer Mo 11-19 Uhr;

Alexis Schwarzenbach: „Auf der Schwelle des Fremden – Das Leben der Annemarie Schwarzenbach“, Collection Rolf Heyne, 420 Seiten, 58 €

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben