Anthologie : Der Ekel Gottes

Einträge ins Beschwerdebuch: eine Anthologie zur Geschichte des offenen Briefes.

Thomas Lackmann
Beschwerde
"Wer schweigt, wird schuldig!" -Foto: Promo

Dreimal könnte Ihnen schlecht werden bei der Lektüre dieser gutgemeinten Episteln. Die Beschreibung unvorstellbarer Details eines Völkermordes am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts sollte Sie verstören. Die Darstellung des Elends und der Folterpraxis unter einem orientalischen Despoten in den sechziger Jahren dürfte Sie aufwühlen. Passagen aus dem antisemitischen Roman eines anständigen deutschen Schriftstellers – zitiert von einem Publizisten, der das Buch verdammt – könnten Sie anekeln. Wenn dem Publikum schlecht wird beim Lesen eines offenen Briefes, ist der Text zumindest angekommen. Sein Ziel hat er damit noch nicht erreicht.

Die meisten der 29 beispielhaften Manifeste in dieser „Wer schweigt, wird schuldig!“ betitelten Anthologie offener Briefe sind, politisch betrachtet, verpufft: Von den mächtigen Adressaten wurden sie selten beantwortet, oft nicht mal zur Kenntnis, schon gar nicht zu Herzen genommen. Rolf-Bernhard Essig und Reinhard M. G. Nickisch haben vom halbhöflichen Sendbrief Martin Luthers an Papst Leo X. (1520) über die respektlose Attacke des Mainzer Jakobiners Friedrich Georg Pape auf den Preußenkönig (1792), den Appell der Frauenrechtlerin Louise Otto an den sächsischen Innenminister (1848) bis zu Schriftsteller-Schreiben gegen die deutschen Diktaturen des vergangenen Jahrhunderts eine vielfältige Empörungskorrespondenz zusammengestellt.

Doch wie Achim T. Wegener, der 1919 mit expressionistischer Dichterwucht dem US-amerikanischen Präsidenten das Schicksal der Armenier unter osmanischen Mord- und Deportationskommandos schilderte, so vermochten auch andere Briefschreiber die Weltgeschichte ihrer Zeit nicht wirklich umzusteuern. Der armenische Staat, den Wegener so inständig gefordert hatte, war zwar bald nach seinem Aufruf tatsächlich gegründet, nur wenige Jahre später jedoch von der internationalen Gemeinschaft bereits wieder den Gebietsansprüchen der nunmehr säkularisierten Türkei geopfert worden.

Dagegen hat Ulrike Meinhofs sarkastischer Brief an die persische Kaiserin, veröffentlicht in der „konkret“-Ausgabe 6/1967 und am 1. Juni 1967, dem Vorabend des Schah-Besuches, als Flugblatt verteilt, tatsächlich (bundesdeutsche) Geschichte gemacht. Die Anti-Schah-Demonstrationen, die Tötung Benno Ohnesorgs und das deutsche Drama RAF sind von diesem publizistischen Einsatz nicht zu trennen. Wirkungsmächtig auf andere Weise erwies sich auch der offene Brief des FAZ-Herausgebers Frank Schirrmacher an den Schriftsteller Martin Walser. Vordergründig erläutert der Journalist, warum seine Zeitung Walsers Schlüsselroman „Tod eines Kritikers“ über Mordfantasien um den karikierten Literaturpapst Reich-Ranicki nicht abdrucken wird.

Untergründig steht der Brief jedoch für eine Meinungsvolte, einen Vertrauensbruch, einen Mediencoup. Hatte doch Frank Schirrmacher kurz zuvor noch Martin Walsers Weg in die Stammtischargumentation („Moralkeule Auschwitz“) als Laudator begleitet, der internen Aussprache aber nun den Publikumseffekt vorgezogen. Sein offener Brief befördert zwar den Verkaufserfolg des Walser-Werkes, zugleich aber auch die Selbstdemontage des Schriftstellers, den einsetzenden Political-Correctness-Diskurs und die Meinungsführerschaft der FAZ.

Historische Hintergründe der ambitionierten Texte werden von Rolf-Bernhard Essig und Reinhard M. G. Nikisch kommentiert. An der Langatmigkeit mancher bei aller Bildkraft ziemlich umständlich formulierten Pamphlete können sie nichts verbessern. Das Buch mit seinem sendungsbewussten Titel funktioniert so vor allem als Fundgrube und Nachschlagewerk. Als „Gründungsmythos der Intellektuellen“ und Modell des modernen offenen Briefes wird vorab von den Herausgebern Émile Zolas berühmte Parteinahme in der Dreyfus-Affäre („J’accuse“, 1898) in Frankreich genannt. Das Dilemma der Gattung, die zugunsten einer größtmöglichen Wirkung emotionalisieren, vereinfachen, dramatisieren müsse, sei hier bereits zu erkennen.

Der kalkulierte Einsatz des offenen Briefes als mediales Kampfmittel entwickelt sich mit der literarisch-journalistischen Professionalisierung seiner Verfasser in Richtung Lesbarkeit. Metaphysisch irritierend erscheint er als „Eintrag ins Beschwerdebuch der Geschichte“ (Rolf-Dieter Essig). Hinter prominenten Adressaten und der implizit gemeinten Öffentlichkeit steht als blind-copy-Empfänger die letzte Instanz. Solange wenigstens dem lieben Gott schlecht wird bei unseren offenen Briefen, müsste alles noch gut werden.

Rolf-Bernhard Essig, Reinhard M. G. Nikisch (Hrsg.): Wer schweigt, wird schuldig! Offene Briefe von Martin Luther bis Ulrike Meinhof. Wallstein Verlag, Göttingen 2007, 270 Seiten, 19,90 €.

Das Buch begleitet eine Ausstellung im Nürnberger Museum für Kommunikation: „Der Offene Brief. Kämpferische Post von Luther bis Grass“ (bis 28.Oktober). Ab dem 29. November ist die Ausstellung im Frankfurter Museum für Kommunikation zu sehen.

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