Antisemitismus : Kaschierter Hass

Woher kommt der Antisemitismus in Europa? Ein neues Buch gibt Aufschluss: Feindbild Judentum, Antisemitismus in Europa von Lars Rensmann und Julius H. Schoeps.

Martin Jander

Antisemitismus hat in Europa eine lange Blutspur. Er hat mit dem realen Verhalten von Juden oder dem Staat Israel nichts zu tun. Er ist eine Projektion, eine Zuschreibung. Die christlich fundierte Judenfeindschaft des europäischen Mittelalters wandelte sich zum politischen Antisemitismus der Aufklärung, zum Rassenantisemitismus der Nazis und später zum sekundären Antisemitismus und Antizionismus sowie zum islamisch fundierten Antisemitismus der europäischen Gegenwart.

Eine Forschung, die den gegenwärtigen Antisemitismus in allen europäischen Ländern auf der Basis fundierter nationaler Untersuchungen vergleicht und resümiert, ist erst im Entstehen begriffen. Der neue Sammelband von Lars Rensmann (Ann Arbor, Michigan, USA) und Julius Schoeps (Potsdam) gibt einen Anstoß zur ihrer Verbreiterung.

Methodisch stimmen alle 15 Autoren dieses Bandes überein. „Wer“, so schreiben Rensmann und Schoeps im Vorwort, „Antisemitismus aus dem realen Verhalten von Juden oder Israelis ableitet oder darin begründet sieht, folgt selbst einer antisemitischen Logik, welche die falsche Verallgemeinerung übernimmt.“

Umstritten ist unter ihnen, wie im europäischen Diskurs überhaupt, ob es in Europa nach dem Ende der Diktaturen sowjetischen Typs einen „neuen“ Antisemitismus gibt, der die Konflikte im Nahen Osten zum Anlass von Anschlägen, Zerstörung, Verfolgung und Diskriminierung nimmt. Sind im postnationalen Europa Juden, die an ihrer Identität hängen und sich mit jüdischer Nation, Kultur und Tradition und teilweise auch mit dem Staat Israel identifizieren, nicht mehr willkommen?

Die Experten beantworten in ihren Aufsätzen über Westeuropa (Frankreich, Italien, Großbritannien, Spanien, Schweden), Osteuropa (Polen, Ukraine, Ungarn) und den deutschsprachigen Raum (Schweiz, Österreich, Deutschland) diese Fragen unterschiedlich. Während z. B. Jean-Yves Camus für Frankreich keinen Zusammenhang „zwischen antisemitischer Gewalt und der Situation im Nahen Osten“ erkennen kann, den Antisemitismus eher als einen Ausbruch der Gewalt in einer Gesellschaft deutet, die sich zunehmend entlang sektiererischer und ethnisch-religiöser Konflikte spaltet, konstatiert Emanuele Ottolenghi für Italien, dass es gar keinen Zweifel darüber geben könne, dass sich der Antisemitismus dort „nicht zuletzt der Wahrnehmung des arabisch-israelischen Konfliktes bedient“.

Ein einheitliches Bild entsteht nicht. Die wissenschaftliche und politische Kontroverse, ob sich in den Kulturen des postmodernen Europas der Antisemitismus gegenwärtig, wie bereits nach dem Nationalsozialismus, erneut verändert und der Hass auf Israel nun zu seinem wesentlichen Element wird, kann nach der Lektüre des Sammelbandes weder auf die eine noch auf die andere Seite hin entschieden werden.

Der herausragende Aufsatz von Lars Rensmann, der vor allem die sich wandelnde Programmatik rechtsextremer Parteien aus West- und Osteuropa (Ungarn, Bulgarien, Rumänien, Polen, Slowakei, Tschechische Republik, Italien, Frankreich, Deutschland, Österreich, Großbritannien, Belgien) und ihre europäischen Kooperationsstrukturen untersucht, lässt freilich keinen Zweifel daran, dass diese Parteien sich immer deutlicher zu „antisemitischen Anti-Globalisierungsparteien“ entwickeln und mit dem häufig nur schwach kaschierten Hass auf Israel in den unterschiedlichen Ländern Europas verschieden große Zustimmung mobilisieren können.

Man liest die Aufsätze mit Gewinn. Die unterschiedlichen Konstellationen, aus denen sich der Antisemitismus in allen europäischen Ländern aus ihren jeweiligen nationalen Kulturen heraus speist und gegenwärtig verändert, werden sehr plastisch und materialreich beschrieben. Häufig, so argumentieren viele Autoren, wird Antisemitismus einfach nicht recht erkannt. Emanuele Ottolenghi definiert den „neuen Antisemitismus“ präzise: „Wenn ,Israel-Kritik‘ sich darauf konzentriert, was Israel ,ist‘ (z. B. ein ,Apartheidstaat‘), nicht auf das, was es konkret ,tut‘, sollte eine Alarmglocke läuten.“

– Lars Rensmann, Julius H. Schoeps (Hg.): Feindbild Judentum, Antisemitismus in Europa. Verlag für Berlin-Brandenburg, Berlin 2008. 512 Seiten, 24,95 Euro.

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