Antonio Gramscis Gefängnisbriefe : Das Medium Tatjana

Labor für Sozialismus und allgemeine Geistesfragen: Antonio Gramsci in seinen Gefängnisbriefen

Steffen Richter

Wir müssen verhindern“, tönte der Ankläger Antonio Gramscis in seinem Plädoyer, „dass dieses Hirn in den nächsten zwanzig Jahren funktioniert.“ Der Plan ist nicht aufgegangen. Im knappen Jahrzehnt nach seiner Verurteilung hat der bis heute wichtigste italienische Theoretiker des Marxismus noch 32 berühmte „Gefängnishefte“ mit Überlegungen zu Politik und Kultur gefüllt. Seine Briefe aus dem Gefängnis flankieren dieses Nachdenken. Es sind Zeugnisse aus einem Zeitalter des Argwohns, in dem politische Verdächtigungen private Beziehungen zersetzten.

Der aus armseligen Verhältnissen stammende Sarde Gramsci, politischer Journalist in Turin und Mitbegründer der italienischen Kommunistischen Partei, wird im November 1926 – trotz seiner Immunität als Parlamentsabgeordneter – von Mussolinis Polizei verhaftet. Man schafft ihn ins römische Gefängnis Regina Coeli, dann auf die Verbannungsinsel Ustica vor Sizilien, schließlich nach Mailand. In einem politischen Prozess wird er 1928 zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt. Er verbüßt sie in Apulien, bevor er 1937, als 46-Jähriger, an den Folgen der Haft stirbt. Der einzige Kontakt zur Außenwelt ist seine Korrespondenz. Doch über die Hälfte dieser Gefängnisbriefe sind nicht etwa an seine Frau Giulia Schucht gerichtet, sondern an deren Schwester, seine Schwägerin Tatjana (meist: Tanja).

Nach einem vergleichsweise dünnen Band mit Briefen an Giulia wird nun der erste Teil des Briefwechsels mit Tanja (1926-1930), von der Gramsci-Forschung bis 1990 weitgehend verschwiegen, versehen mit einem hilfreichen philologischen und historischen Anmerkungsapparat, in einer kritischen Ausgabe präsentiert.

Man liest ein spannendes Kapitel aus der Geschichte der Arbeiterbewegung, aber auch Erinnerungen an ein Jahrhundert der politischen Entscheidungszwänge, in denen jeder Eigensinn zwischen „links“ und „rechts“ zermalmt wurde.

Von Beginn an will Gramsci im Gefängnis seinen Kopf beschäftigen. Da ihm ein Freund, der wohlhabende Nationalökonom Piero Sraffa, bei einer Mailänder Buchhandlung ein unbegrenztes Konto eingerichtet hat, bestellt Gramsci: „Max und Moritz“, Grimms Märchen, Karl Vosslers „Italienische Literaturgeschichte“, Studien über Politische Geschichte des 19. Jahrhunderts, Grammatiken und Wörterbücher. Schon seine Bibliothek weist ihn als einen universalen Kopf aus – der sich lange vor seinem Landsmann Umberto Eco ernsthaft mit Populärkultur beschäftigt hat.

Als er ab 1929 endlich in seiner Zelle schreiben darf, kann er den Arbeitsplan angehen, den er im berühmtesten Brief vom 19.3.1927 angekündigt hat und der zu den „Gefängnisheften“ führen wird: 1. eine „Untersuchung über die italienischen Intellektuellen“, 2. eine „Studie über vergleichende Sprachwissenschaft“, 3. eine weitere „Studie über das Theater von Pirandello“, 4. ein „Essay über den Groschenroman und den Geschmack des Volkes in der Literatur“.

Ausdrückliche politische Stellungnahmen findet man – zensurbedingt – kaum. Auch ist Gramsci darauf bedacht, alle formalen Gefängnisregeln einzuhalten, sich durch äußerste Bedürfnislosigkeit möglichst viel Selbständigkeit zu bewahren und jeden Verdacht, er könne um Gnade bitten, zu ersticken. Zwischen die politischen Fronten gerät er dennoch. In den Jahren nach seiner Gefangennahme betreibt Stalin die „Bolschewisierung“ der kommunistischen Bewegung, schwört die europäischen Parteien auf seine Linie ein. Der mit einem weiten kulturellen Horizont ausgestattete Gramsci, gelegentlich des Trotzkismus verdächtigt, hätte dazu quer gelegen. Ob er sich zu Recht von seinen Genossen um Palmiro Togliatti verraten fühlt, ist nicht sicher. Sicher aber ist, dass ein Gramsci in Freiheit seiner Partei erheblich mehr Probleme bereitet hätte als ein Gramsci als Märtyrer im faschistischen Gefängnis.

Schwer verständlich ist auf den ersten Blick aber vor allem, dass Gramsci kaum an seine Frau (und Mutter seiner beiden Kinder), sondern an seine Schwägerin Tanja schreibt. Tanja ist in Italien, während ihre aus Russland stammende Familie, einschließlich Giulia, in Moskau lebt. Mag sein, sie ist krank oder mit den Kindern beschäftigt. Mag aber auch sein, der Befehl zur weitgehenden Kontaktsperre mit dem unsicheren Kantonisten Gramsci, ihrem Ehemann, kommt von ganz oben – Giulia arbeitet bei Sicherheitsorganisationen, gar Geheimdienst oder Polizei.

So ist die Korrespondenz privat wie politisch mehrfach codiert. Antonio Gramsci nennt das „Pirandellismus in Briefform“. Die Adressatin Tanja fungiert als Medium, hinter dem die Schwester Giulia steht – und die wachsamen Augen der italienischen und sowjetischen KP lesen mit. Wer also mit „Liebste Tanja“ und „Ich umarme Dich zärtlich“ gemeint war, wird auch keine noch so sorgfältige philologische Analyse eindeutig erweisen können.

Ein Verdienst dieser Briefedition ist es, der sich aufopfernden und selbst verleugnenden Tanja Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Ein anderer, die schwierigen Entstehungsbedingungen von Gramscis Nachdenken über eine neue Kultur nachzuzeichnen. Dieses Nachdenken ist weniger obsolet, als es scheint. Gramscis Vorstellungen von „kultureller Hegemonie“ – die Herstellung konsensfähiger Ideen zur Integration verschiedener gesellschaftlicher Gruppen – geistern noch heute durch die neomarxistische und postkoloniale Theorieproduktion. Seine politisch-privaten Panzerungen aber, die Umstände, unter denen diese Ideen entstanden, bleiben wohl langfristig schwer zu durchdringen.

Antonio Gramsci: Gefängnisbriefe II. Briefwechsel mit Tatjana Schucht 1926-1930. Aus dem Italienischen von Ursula Apitzsch u.a. Argument Verlag, Hamburg 2008. 352 S., 35 €.

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