Arundhati Roy : Im Kokon des Erfolgs

Indien wählt – und macht es seiner berühmtesten Autorin nicht leicht: Ein Besuch bei Arundhati Roy.

Gerhard Klas

Für die indischen Eliten ist Arundhati Roy eine Unperson. Dazu hat in der größten Demokratie der Welt, die seit dem 16. April ihre 19. Parlamentswahlen durchführt, weniger ihr halbbiografischer Bestseller-Roman „Der Gott der kleinen Dinge“ beigetragen als ihr unermüdliches politisches Engagement. „Angefangen habe ich mit den politischen Essays 1998, aus Anlass der Atombombentests in Indien“, erzählt die Schriftstellerin.

Arundhati Roy lebt in einer Mittelschichtssiedlung im Süden Delhis. Ihre Dachgeschosswohnung mit Blick über die Megacity hat die ehemalige Architektin selbst entworfen, in einem Stil, der indische und westliche Innenarchitektur miteinander vereint. Reich verzierte Sitzkissen liegen auf großflächigen Terrakottafliesen, auf der Anrichte in der geräumigen Wohnküche steht eine Espressomaschine und mitten im Arbeitszimmer ein gläserner Schreibtisch.

Gemessen an ihren Möglichkeiten lebt sie in bescheidenen Verhältnissen. Eine halbe Million britische Pfund hatte sie Mitte der 90er Jahre als Vorschuss für ihren Roman erhalten. In Indien ist das sehr viel Geld – das sie größtenteils an die Initiative gegen den Bau des Narmada-Staudamms im Bundesstaat Gujarat spendete, um den Kampf der Ortsansässigen gegen ihre Vertreibung zu unterstützen. „Ich bin beschämt, wie viel Geld mein Roman eingebracht hat“, sagt die Schriftstellerin, „es ist, als wäre jedes Gefühl im ,Gott der kleinen Dinge‘ mit einer Silbermünze aufgewogen worden, als hätte ich mich selbst in eine silberne Figur mit einem kalten, silbernen Herzen verwandelt.“

1959 in der nordostindischen Stadt Shillong geboren, wuchs Roy in südindischen Bundesstaat Kerala auf; 1957 gewann dort erstmals eine kommunistische Partei demokratische Wahlen. Roy war Hippie in Goa, Drehbuchautorin und Schauspielerin – Architektur studierte sie unter anderem in Florenz. Ihr Protest etwa gegen Staudammprojekte brachte ihr Gefängnisaufenthalte ein. Mancher westlichen Regierung ist die Autorin mittlerweile ebenfalls ein Dorn im Auge. Denn spätestens seit dem Krieg gegen Afghanistan nutzt Arundhati Roy ihren Ruhm auch, um sich für ihre Kritik an der westliche Wirtschafts- und Militärpolitik Gehör zu verschaffen.

Bis heute spendet sie viel für politische Initiativen. „Eingeklemmt zu sein in einen engen Kokon von Erfolg, Ruhm und Wohlstand ist für mich ein furchtbarer Albtraum“, so Roy. Gleichzeitig will sie von den in Indien starken sozialen Bewegungen nicht instrumentalisiert werden. „Es ist eine Art Tanz, bei dem ich meine Unabhängigkeit zu wahren versuche und dennoch ihre politischen Anliegen unterstütze“, beschreibt sie den Balanceakt. Sie will, fügt sie hinzu, auch so frei sein, manchmal jemanden zu enttäuschen.

Im November wird Arundhati Roy 50. Anders als viele ehemals engagierte Schriftsteller in Westeuropa ist sie nicht zur Zynikerin oder Apologetin der Macht geworden. Sie hat ein anderes Problem: Vor zwei Jahren kündigte sie einen neuen Roman an; ihr Welterfolg und bislang einziger Roman „Der Gott der kleinen Dinge“ stammt schließlich von 1997. „Gewisse Dinge kann man nur in einer fiktiven Geschichte ausdrücken“, meint Roy. „Meine Essays entstehen aus Diskussionen mit vielen Menschen, sie sind gewissermaßen ein Gemeinschaftsprodukt. Aber Romane sind ein großes Geheimnis.“ Deshalb, bitte, kein Wort über den Plot.

Aber die politischen Ereignisse lassen ihr kaum Zeit für den Roman. Die Wirklichkeit holt sie immer wieder ein: Außergerichtliche Hinrichtungen durch die Polizei, der wachsende Einfluss und die Gewalt der Hindu-Nationalisten gegen Minderheiten in Indien – zu all dem bezieht sie Stellung in ihren Essays. Sich ihrer Fantasie widmen zu können, für Arundhati Roy ist das der eigentliche Luxus. Der terroristische Angriff auf Mumbai war Gegenstand ihres jüngsten Artikels, den auch der britische „Guardian“ unter dem Titel „Das Monster im Spiegel“ abgedruckt hat. Darin kritisiert sie einerseits die Destruktivität des Terrors, weist aber auch auf drei unbewältigte Ereignisse hin, die junge Muslime regelrecht in die Arme der Terror-Organisationen treiben: die militärische Besatzung von Kaschmir, die Zerstörung der Babri-Moschee 1992 und das ungesühnte Massaker von Gujarat 2002, das mehr als 1000 Muslime das Leben gekostet hat.

Den in Indien üblichen Vergleich des Angriffs auf Mumbai mit den Anschlägen des 11. Septembers 2001 in New York erklärt sie sich so: „Man hoffte auf dieselbe internationale Unterstützung, die damals die USA erhielten, außerdem sollte dieser Angriff von jedem Kontext isoliert werden, als hätte er sich in einem historischen Vakuum zugetragen und als ginge es einfach um den Kampf Gut gegen Böse.“

Salman Rushdie, wie Roy Träger des Booker-Literaturpreises, kritisierte ihren Essay. Er wecke die Illusion, „der Terrorismus würde von der Welt verschwinden, wäre einmal die Ungerechtigkeit beseitigt“, polemisierte er auf einer Schriftstellerveranstaltung zu den Anschlägen in den USA. Außerdem warf er Roy vor, die Opfer in den Luxushotels gering zu schätzen. Dabei hatte Roy nur die gegenüber vorherigen Anschlägen überproportionale Aufmerksamkeit der indischen und internationalen Medien kommentiert. Erstmals habe der Terror auch „vor den glitzernden Empfangshallen der Fünf- Sterne-Hotels nicht halt gemacht“, so die Autorin im Gespräch. „Auf einmal bedeuteten die Toten etwas – normalerweise sind sie nur Ziffern.“

Verhasst ist Arundhati Roy den Hindu-Nationalisten der Indischen Volkspartei BJP, der größten indischen Oppositionspartei. Deren Spitzenkandidat Lal Krishna Advani fordert sogar das Verbot eines ihrer Bücher. Im vergangenen Sommer hatte sie sich für ein Referendum über die Unabhängigkeit Kaschmirs ausgesprochen. Dort ist eine halbe Million indischer Soldaten und Paramilitärs stationiert, Gewalt gegen die Zivilbevölkerung ist an der Tagesordnung. Ein Grund für Arundhati Roy, das Wort zu ergreifen.

„ Ich schäme mich dafür, was dort auch in meinem Namen der Bevölkerung angetan wird“, sagt die indische Staatsbürgerin. Sie war im August 2008 in Kaschmir, während eines Aufstands. „Alle waren auf den Straßen, auch Kinder und Frauen, sie skandierten ‚Azadi‘“, was „Würde“ bedeutet. Es ist der Ruf nach Unabhängigkeit, Souveränität und Selbstbestimmung. „Ich hatte das Gefühl, mein Schreiben bleibt lückenhaft, wenn ich mich dazu nicht äußere.“

Die Reaktionen waren heftig. „In sämtlichen TV-Sendern hieß es, jetzt hätte ich die Grenze endgültig überschritten. Alle Politiker von der BJP bis zur Kongress-Partei forderten, mich ins Gefängnis zu stecken und den Schlüssel zur Zelle gleich wegzuwerfen, ich sei eine Verräterin“, berichtet Roy. Sie lächelt dabei. „Ich trage das als Ehrenauszeichnung. Es würde mich beunruhigen, wenn sie Beifall klatschen würden.“ Andere indische Menschenrechtler stehen wegen ihres Engagements unter Polizeischutz, Roy jedoch verzichtet auf Bodyguards. Sie kann sich der Zuneigung vieler Inder sicher sein; wo auch immer sie hinkommt, sie wird willkommen geheißen.

Am 16. Mai werden in Indien die Wahlergebnisse bekanntgegeben. Wer immer künftig regiert, für Arundhati Roy bleibt das Schreiben ein Kampf. „Den Puls fühlen, den blanken Nerv“, so nennt sie es.

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