Athen : Kleine Atempausen

Eine literarische Einladung, Athen zu entdecken - der Band weist die Gegensätze der Stadt auf.

Andreas Schäfer

Als ich ein Jahr in Athen leben durfte, löste meine Antwort auf die Frage, wie mir die Stadt gefalle, regelmäßig Heiterkeit aus – und manchmal ein grelles Lachen des Wahnsinns. Denn ich antwortete: Athen ist so still. Natürlich ist Athen eine wahnsinnig laute, smogverdüsterte, nervenaufreibende, fast baumlose Betonstadt. Unerträglich. Aber das ist sowieso klar. Das weiß jeder. Trotzdem ist Athen still. Denn wenn der Lärm durch Zufall selbst in einer Innenstadtgasse mal aussetzt, öffnet sich eine magische Stille, die nichts mit der Lärmabwesenheit einer mitteleuropäischen Metropole zu tun hat.

Leider ist dieser Athener Widerspruch (und viele andere) nicht zu erklären. Nur auf immer wieder neue Weise staunend zu konstatieren – so wie es die dreizehn Autoren in Gedichten, Erzählungen und Romanausschnitten getan haben, die Birgit Hildebrand und Konstantinos Kosmas in dem schönen Band „Athen. Eine literarische Einladung“ versammelt haben.

Für Petros Markaris ist Athen die „Stadt der kleinen Atempausen“, deren Charme vor allem im Unterschied zwischen Tag und Nacht besteht: „Das abstoßende, chaotische, marktschreierische Gesicht Athens verblasst, sobald der Abend herabsinkt. Eine Zauberhand verleiht ihm ein schönes Antlitz, das bei Sonnenaufgang wieder verschwindet.“ Schwer zu vereinen ist auch die Diskrepanz zwischen pathetischem Antikenbezug und neureicher Geschichtsvergessenheit. Mit dem Dichter Giorgos Seferis steigen wir nachts (!) auf die Akropolis, deren Aura aus einer gewöhnlichen Frau eine mythische Halbgöttin macht.

Mit Kostas Katsoularis torkeln wir durch das Kolonaki-Viertel und lassen uns beschwingt von albanischen Straßenmusikern beklauen. Früher war Athen nicht schöner, aber irgendwie ursprünglicher, weint Kostas Tachtsis in „Athen, meine Großmutter“ der Vergangenheit hinterher. Es gab Flüsschen, und auf dem Philopappos, dem dritten Hügel, ließen Kinder Drachen steigen – während heute Präservative in den Ästen der kargen Sträucher hängen. Und Nikos Panajatopoulos fährt in der „Elektrischen“ einmal vom noblen Bergvorort Kifissia bis ins stickige Piräus – und ist am Ende nicht schlauer: „Ich hasse Athen! Ich weiß nicht, ob sie mich verstehen. Ich vergöttere diese Stadt.“

Athen. Eine literarische Einladung. Herausgegeben von Birgit Hildebrand und Konstantinos Kosmas. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2009. 144 Seiten, 15,90 €.

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