''Auf Reisen'' : Der letzte Flaneur

Matthias Zschokke erkundet berühmte Orte.

Nicole Henneberg

"Auf Reisen“ heißt Matthias Zschokkes Buch, das der Verlag als „vergnüglichen Cicerone durch Metropolen, zu reich gedeckten Tafeln, wohligen Betten und anderen Orten“ preist. Das Inhaltsverzeichnis nennt touristische Höhepunkte: Weimar, Meran, Budapest, Baden-Baden, Amman, Ascona, Genf, New York. Doch dazwischen finden sich geheimnisvolle Orte wie Guggisberg und Liestal. Wer ist das Ich, das uns schon im ersten Satz an die Hand nimmt? „Wo immer sie abgestiegen sind, wird sogleich das ungute Gefühl in ihnen aufsteigen, Sie seien an der falschen Ecke gelandet und verpassten gerade die Hauptsache. Versuchen Sie, Ruhe zu bewahren und nicht die Flucht ergreifen zu wollen. Sie werden sonst in die Leere laufen und verzweifeln.“ Dies könnte das Motto von Zschokkes Erzähler sein, der allen berühmten Orten misstraut und ungern reist: Schon Berlin ist ihm fremd.

Nicht nur der Autor, auch seine Figuren sind hier zu Hause: der Apartmentbewohner, der süchtig nach den Klängen des Lebens hinter seiner Zimmerwand ist, oder der Stadtwanderer Maurice. Mit diesem Reisebuch hat der Autor seinen eigenbrötlerischen Helden einen weiteren hinzugefügt: einen, der auszog, das Fürchten zu lernen. In Baden-Baden flüchtet er aus dem Grandhotel und der schäbigen Spielbank ins Friedrichsbad – ein traumhaft schöner Ort, der sich als Albtraum entpuppt; im Gebirgshotel Maderanertal isst er empörend schlecht und erlebt eine grauenvolle Partynacht; in Weimar ist er wütend über das Goethehaus, eine schlechte Inszenierung.

Unser Reisender fühlt sich nur an melancholischen Orten wohl: in Liestal, um die Hanro-Wollunterleibchen zu kaufen, die auch Yehudi Menuhin trug; im portugiesischen Porto, wo er die ihren Gedanken nachhängenden Passanten beobachtet; oder in einem Wüstenimbiss außerhalb von Amman. Als Kind prägte er sich das Kürzel „i. A. g.“ ein – in Amerika gewesen. Es galt für alle Wichtigtuer. Nach New York fährt er unwillig und verkriecht sich, bis er erkennt: Hier kann er an einem Tag mehrere Welten durchstreifen. Aufgekratzt kehrt er nach Berlin zurück und findet sich, gottlob, im heimischen Badezimmerspiegel völlig unverändert. Nicole Henneberg

Matthias Zschokke: Auf Reisen. Erzählung. Ammann Verlag, Zürich 2008. 235 S., 18,90 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben