AUF Schlag : Mein Badearzt

Rainer Moritz über Männer, die älter werden

Rainer Moritz

Mir geht es sehr gut. Ja, gewiss, da sind diese gelegentlich quälenden Schmerzen im unteren Wirbelsäulenbereich, die mich im Urlaub dazu nötigten, einen Badearzt in Mecklenburg-Vorpommern aufzusuchen, was eine demütigende Erfahrung war. Sonst aber fühle ich mich frisch wie ein Aprilmorgen – wenn ich nicht gerade dazu angehalten werde, die aktuellen Produktionen deutschsprachiger Autoren zu lesen. Hier braut sich etwas zusammen, hier wird spürbar, dass einst hoffnungsvolle literarische Talente in die Jahre kommen und nicht recht wissen, wie sie die „große Grauzone“ (Sibylle Berg) zwischen nicht mehr jung und noch nicht vergreist sinnvoll ausfüllen sollen.

Sachbuch und Belletristik gehen dabei Hand in Hand. Eben noch lasen wir Petra Gersters „Reifeprüfung. Die Frau von 50 Jahren“, ignorierten Susanne Fröhlichs „Runzel-Ich“, und schon nahen der von Renée Zucker und Ingke Brodersen verfasste Appell „Werden Sie wesentlich. Die Frau um 50“ und eine Vielzahl von Texten, die vom Nichterwachsenwerden handeln und, wie Matthias Politycki schrieb, die Absicht verkünden, „alt zu werden, ohne jung zu bleiben“.

Schuld daran hat die Gesellschaft, wer sonst, denn nun müssen es alle, die für den Arbeitsmarkt kaum noch in Frage kommen, ertragen, dass sie nicht so aussehen und denken wie die Um-die-50Jährigen ihrer Großväter- und Vätergeneration. Forever young, mit solchen Fitnessparolen kommt uns natürlich kein Schriftsteller, der ernst genommen werden will, aber zwischen den Zeilen wimmelt es in den Romanen des Herbstes von Ängsten, die sich ums Älterwerden ranken. In Robert Menasses „Don Juan de la Mancha“ zum Beispiel, in Sibylle Bergs „Die Fahrt“, wo sich peinliche Noch-nicht-Alte die Türklinke in die Hand geben, in Burkhard Spinnens „Mehrkampf“, der einen vormals berühmten Leichtathleten einer Midlife-Crisis aussetzt, oder in Georg Oswalds Roman „Vom Geist der Gesetze“, der einen trotzig juvenilen Drehbuchschreiber alt aussehen lässt.

Wenige Jahre trennen diese Autoren, und wie von Zauberhand geleitet kreisen ihre Bücher um einen Zustand, der nur einen Schritt weit entfernt ist von jener von Elke Heidenreich so gescholtenen schwülen Altmännerprosa aus den Walser- und Grass-Werkstätten. Seit diesen Lektüren fühle ich mich irgendwie geschwächt, wissend, dass ich der Spinnen- und Berg-Generation angehöre. Was nützt es mir da, an den vitalen Johannes Heesters, an Mick Jagger, Karl-Heinz Feldkamp, Helmut Schmidt oder Udo Jürgens zu denken? Vielleicht stünde mir ja ein weißer Frotteemantel gut, zumindest beim nächsten Aufenthalt in Mecklenburg-Vorpommern. Ob ich Sport triebe, fragte mich der unverschämt junge Badearzt, in einem Ton, als sei ihm die Antwort bekannt. Heute begeht Fidel Castro übrigens seinen Achtzigsten. Gut geht es dem auch nicht.

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