AUF Schlag : Schnee bei 34 Grad

Rainer Moritz gerät in Turbulenzen - und hat wieder Hoffnung. Es gibt noch den lesenden Mann.

Rainer Moritz

Flugangst kenne ich nicht. Sobald ich eine Maschine besteige, schließlich ich mit dem Leben ab, begebe mich ganz in die Hände irgendwelcher höherer Instanzen und verzichtete darauf, das Mienenspiel der Stewardessen zu interpretieren, um daraus die Wahrscheinlichkeit einer unbeschadeten Ankunft abzuleiten. Nicht immer fällt das leicht, so wie in der letzten Woche, als ich mich nach Klagenfurt aufmachte, um im Vorfeld des Bachmann-Wettlesens an einer Podiumsdiskussion teilzunehmen. Leider brachte es diese von kräftigen Unwettern begleitete Reise mit sich, dass ich mich in München in die Hände des italienischen Unternehmens Air Dolomiti begeben und eine nicht ganz taufrisch wirkende Propellermaschine besteigen musste.

Um es kurz zu machen: Nach einstündiger Wartezeit hob das grünweiße Teil glücklich ab und geriet über den sehr hohen und sehr gefährlich anmutenden Alpen in Turbulenzen, die es nach sich zogen, dass sich bei meinem Versuch, einen Schluck Cola zu trinken, selbige in hohem Bogen auf das Beinkleid meines Nachbarn rechts von mir ergoss. Ich tat unschuldig, verwies auf die höheren Instanzen und wandte mich, um den Zorn des Besudelten zu entgehen, meinem Nachbarn zur Linken zu. Dieser – nach Gesprächen mit einem Kompagnon zu schließen – stand offenkundig in Diensten eines Wirtschaftsunternehmens, sah auch so aus – und wollte dennoch nicht jene Vorurteile bestätigen, die man sich im Lauf eines Lebens zwangsläufig aneignet.

Der im harten kapitalistischen Kampf geschulte Mann las weder „Focus“ noch „Handelsblatt“ noch „Financial Times Deutschland“. Er wälzte keine Tagungsunterlagen, machte sich nicht daran, Powerpoint-Präsentationen zu prüfen, und schlief auch nicht den Schlaf derer, die nur dadurch dem gnadenlosen Verdrängungswettbewerb zu entgehen hoffen. Nein, der gute Mann las ein Buch, keinen Do-it-yourself-Ratgeber und auch keinen John Grisham oder Thomas Harris. Hier hatte neben mir einer Platz genommen, der genau wusste, wie der Berufshatz Paroli zu bieten ist. Er las – tatsächlich – ein Adalbert-Stifter-Bändchen: „Bergkristall und andere Erzählungen“.

Stifter, man erinnert sich, das war dieser gut genährte Linzer Schulrat, der der Welt, ehe er sich mit dem Rasiermesser die Kehle durchschnitt, die herrlich langatmigen Romane „Der Nachsommer“ und „Witiko“ schenkte. Und die feine winterliche Geschichte (es herrschten übrigens 34 Grad) „Bergkristall“, in der am Heiligen Abend zwei arme Kinder in ein grässliches Schneetreiben geraten, eine Nordlichterscheinung haben und, wie es sich gehört, am nächsten Morgen aufs Glücklichste von den Ihren gerettet werden. Darin also versenkte sich mein Münchner Wirtschaftsführer, andächtig, kaum auf die Wetter- und Colakapriolen achtend, und gab mir die Hoffnung an den lesenden Mann zurück.

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