Literatur : Auf unendlicher Fahrt

Joachim Sartorius erreicht das „Hôtel des Étrangers“

Michael Bra

Wenn die Dichter des 21. Jahrhunderts zu ihrer Lebensreise aufbrechen, erreichen sie ihr Ziel nicht mehr. Auf ihrer „unendlichen Fahrt“, so der Philosoph Manfred Frank, finden sie keinen festen Punkt mehr, an dem sie heimisch werden können. Zu diesen ziellos Reisenden gehören auch die lyrischen Helden des Dichters und Kultur-Impresarios Joachim Sartorius. Einer von ihnen überquert das Marmarameer, ein grüblerischer Passagier zwischen Orient und Okzident; ein Übersetzer zwischen den Sprachen und Kontinenten.

Der Reisende träumt vom Weggehen und von der Ankunft in einem irdischen Refugium. Vielleicht wird dieser Reisende auch getragen vom Klang und den Suggestionen des Wortes „Marmara“, das ursprünglich den weißen Marmor bezeichnete. Der Passagier taucht ein in „immer kältere Zonen der Sprachluft“, ein Durcheinander aus Türkisch, Französisch, Griechisch und Englisch.

Irgendwann sieht er am Ufer der größten türkischen Prinzeninsel ein Hotel auftauchen, das Hotel der Fremden und Asylsuchenden – das „Hôtel des Étrangers“. Die Verse bilanzieren einen existenziellen Verlust: „Lieder und Photographien waren alles, / was wir mitnehmen konnten.“ Wer spricht da? Es handelt sich offenbar um ein Rollengedicht, denn dieses „Wir“ ist nicht einfach eine Gruppe von Schriftstellern auf Bildungsreise. Die Reisenden haben nicht nur ihre Illusionen und Ziele verloren, sondern auch ihre Zuversicht: „War unser Leben schon vorbei?“ Diese Frage nach den letzten Dingen ist die dunkle Melodie, die sich durch den neuen und bisher besten Gedichtband von Joachim Sartorius zieht: das Vanitas-Thema, das Motiv der Vergänglichkeit. Und das nicht nur in „Kleiner Totentanz“, dem vierten und letzten Kapitel. Schon im Eröffnungsgedicht „Die Nacht vor dem PC“, das wunderbar schwebende Bilder der Selbstbegegnung eines von der Liebe träumenden Ichs entfaltet, schwingt die Gewissheit mit, dass etwas zu Ende geht.

Der Atem wird hier zum Taktgeber: „Gib mir alles. Welches ausatmet: Gib mir alles.“ Jemand ist eingetaucht ins World Wide Web – und plötzlich wird sein Blick frei für das Elementare. In den folgenden Gedichten ist Sartorius wieder unterwegs auf Reisen ins Ungewisse. Erfahrungen in fremden Welten und Bewusstseinsreize vor Bildkunstwerken verwandeln sich in Poesie. Es ist das Licht des Südens, und es sind die Städte des Ostens, die hier Gestalt annehmen: „Das bloße Licht schafft Leere, die lockt, / Leere und Weite, Empfänglichkeit / für die Vielheit der Welt.“ Michael Braun

Joachim Sartorius: Hôtel des Étrangers. Gedichte. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008. 80 Seiten, 16,95 €.

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