Literatur : Aufforderung zur Einmischung

Peter Zolling erläutert die Grundrechte

Albert FunkD

„Verfassungen sind cool.“ Mit diesem Satz steigt Peter Zolling in sein Porträt des Grundgesetzes ein. Schön wär''s, denkt man sich da. Denn cool bedeutet doch – einfach, locker, verständlich. Und dann schaue sich einer mal den Artikel 143 an. Oder versuche mal in zwei Sätzen zu erklären, was eine konkurrierende Gesetzgebung ist (genau das Gegenteil von konkurrierend nämlich, der Artike l 72, in dem davon die Rede ist, sichert einen Vorrang des Bundes vor den Ländern, wenn der Bund das so will). Aber dann blättert man im Buch, und siehe da: Der Autor, ein Historiker, kümmert sich erfreulich wenig um all den komplizierten juristischen Ballast, der auch in der Verfassung steht, und beschränkt sich auf das Wesentliche.

Peter Zollings Buch ist den wichtigsten Artikeln in unserem Grundgesetz gewidmet, den ersten 20 – beginnend mit der Unantastbarkeit der Würde des Menschen bis hin zu der Festlegung, dass die Bundesrepublik ein demokratischer und sozialer Bundesstaat ist. Es geht um die Grundrechte und Grundprinzipien, und die werden einleuchtend beschrieben (auch wenn’s bisweilen etwas flotter sein könnte).

Das Sozialstaatsprinzip stellt Zolling besonders heraus – er betont dessen Aktualität angesichts der Folgen der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise. Allerdings weist der Autor auch darauf hin, dass die Wirtschaftsordnung des Grundgesetzes die soziale Marktwirtschaft sei, weshalb zum Beispiel Staatsbeteiligungen und Enteignungen – die ja plötzlich wieder debattiert werden – nur erlaubt seien, wenn es um gemeinwirtschaftliche Ziele gehe, um lebenswichtige Güter. Ist ein Opel-Auto lebenswichtig?

Ein starkes Gewicht liegt auf den historischen Umständen, in denen das Grundgesetz entstand. Gerade der Versuch, es besser zu machen als in der Weimarer Republik, beseelte damals die vielen Verfassungsväter und die vier Verfassungsmütter im Parlamentarischen Rat, der das Grundgesetz 1949 schuf. Zolling gelingt hier eine angenehm ausgewogene Darstellung, er hebt zu Recht die wichtige Vorarbeit auf dem Verfassungskonvent von Herrenchiemsee im Sommer 1948 hervor. Dazu gehört aber leider auch, dass der schönste Satz, der in Herrenchiemsee geprägt wurde, am Ende doch nicht in die Verfassung gelangte: „Der Staat ist um des Menschen willen da, nicht der Mensch um des Staates willen.“ Das könnten sich auch heute manche Politiker hinter die Ohren schreiben.

Nun feiert das Grundgesetz seinen Sechzigsten, und es hat von Anfang bis heute einen Auftrag, den Peter Zolling ganz richtig auf den Punkt bringt: Es ist eine Aufforderung an uns alle, eine Aufforderung zur Einmischung und zum Handeln. Albert Funk

Peter Zolling: Das Grundgesetz. Unsere Verfassung – wie sie entstand und was sie ist. Carl Hanser Verlag, München 2009. 198 Seiten, 14,90 Euro. Ab zwölf Jahren.

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