Aufgeschlagen ... : Teeren und Federn

Dennis Scheck, Literaturredakteur beim Deutschlandfunk, bespricht einmal monatlich die "Spiegel"-Bestsellerliste, abwechselnd Belletristik und Sachbuch - parallel zu seiner ARD-Sendung "Druckfrisch" - heute: die zehn meistverkauften Sachbücher 2007.

Dennis Scheck

10) Tiziano Terzani: Das Ende ist mein Anfang


(Deutsch von Christian Rhein, DVA, 413 Seiten, 19,95 €)
Ein sterbenskranker Journalist legt in Gesprächen mit seinem Sohn Zeugnis davon ab, wie er seine marxistischen Glaubensgewissheiten nach und nach gegen buddhistische Trostvorstellungen aus Tibet eintauschte. Diese sind zwar tatsächlich wirkungsvoll zur Linderung der Angst vor dem Tod – allerdings nur um den Preis der Auslöschung jeglicher Individualität. Ein Paradoxon, das stark an die berühmte Meldung aus dem amerikanischen Militärbericht während des Vietnamkriegs erinnert: „Um das Dorf zu retten, war es nötig, das Dorf zu zerstören.“

9) Veronika Peters: Was in zwei Koffer passt
(Rowohlt Berlin, 256 Seiten, 18 €)
Was eine junge Frau dazu treibt, in ein Kloster einzutreten – und was sie dazu bringt, dieses Kloster Jahre später wieder zu verlassen, erzählt Veronika Peters unprätentiös und ohne jede Spur von Sensationalismus in ihrem im besten Sinn diskreten Buch.

8) Petra Gerster: Reifeprüfung
(Rowohlt, 288 Seiten, 19,90 €)
Warum das Fernsehen so wenig Platz für erwachsene Frauen hat, welche Ursachen Altersrassismus hat und wie man ihn bekämpft, erfährt man aus Petra Gersters lesenswertem, weil grundvernünftigem Essay. Ein erstklassiges Alterswerk!

7) Susanne Fröhlich, Constanze Kleis: Runzel-Ich
(Krüger, 317 Seiten, 14 €)
Weil dieses öde Manifest des dressierten Frauchens seine Leser niemals dazu auffordert, ihr runzligstes Organ zu benutzen – ihr Gehirn –, vermag „Runzel-Ich“ an keiner Stelle bürgerliches Selbstbewusstsein zu stärken, sondern entscheidet sich gegen die feministische Freiheit und für die Sklaverei eines zynischen Schönheitswahns. Schön blöd.

6) Richard Dawkins: Der Gotteswahn
(Deutsch von Sebastian Vogel, Ullstein, 560 Seiten, 22,90 €)
Dawkins fordert die endgültige Verabschiedung Gottes aus der Öffentlichkeit und fragt, warum eine aufgeklärte Gesellschaft sich Gesetze und Regeln vorschreiben lassen soll von Menschen ohne Mandat, die mal seltsame Gewänder, mal Sprengstoffgürtel tragen und sich auf den immer schärfer müffelnden Leichnam eines Dinosauriers namens Religion berufen. Die täglichen Abendnachrichten sind das beste Argument für die dringende Notwendigkeit dieser ungerechten, aber keineswegs billigen Polemik.

5) Roberto Saviano: Gomorrha
(Deutsch von Friederike Haussmann und Rita Seuß, Hanser, 368 Seiten, 21,50 €)
Was der Süditaliener Savanio erfuhr, als er die Frage stellte: Wo kommen nur all die Markenhandtaschen, -kleider und -sportartikel her?, gleicht dem Schock eines Kindes, das fragt, was eigentlich in der Wurst drin ist. Die Camorra lebt, so die ernüchternde Botschaft dieses sauber recherchierten und engagiert geschriebenen Buchs, und sie lebt besser denn je. Auf unser aller Kosten.

4) Eva Maria Zurhorst: Liebe dich selbst und es ist egal, wen du heiratest
(Goldmann Arkana, 384 Seiten, 18,50 €)
Welche Verzweiflung muss eigentlich in Ehen herrschen, wenn so ein schon auf den ersten Blick als grenzdebil erkennbarer Dämel-Ratgeber nach Jahren immer noch auf der Bestsellerliste steht? Und könnte man den Deutschen auch ein Buch verkaufen mit dem Titel „Liebe dich selbst und dein Auto fährt ohne Motor“?

3) Rhonda Byrne: The Secret – Das Geheimnis
(Deutsch von Karl F. Hörner, Goldmann Arkana, 240 Seiten, 16,95 €)
Die Abgeschmacktheit, mit denen bildungsferne Leser dieser Esoterikfibel in vermeintliches Geheimwissen eingeweiht werden, erinnert an mittelalterliche Quacksalber. Angemessener als jede literaturkritische Reaktion auf diese dreiste Scharlatanerie wäre das Teeren und Federn der Verantwortlichen.

2) Joseph Ratzinger, Benedikt XVI: „Jesus von Nazareth“
(Herder, 447 Seiten, 24 €)
Manchmal ist populistisches Auf-dieQuote-Schielen eine Frage des schieren Überlebens. Aber wer hätte gedacht, dass die katholische Kirche schon so weit ist? Wenn der Papst nach der Melodie des Schlagers „Lasst-uns-dieMenschen-daabholen-wo-sie-sind“ tanzt, ist es an der Zeit, die Frage zu stellen, ob diesen Menschen nicht besser damit gedient wäre, wenn ihnen ein ganz anderer Marsch geblasen würde. Die Sorge, dass ein Intellektueller auf dem Papstthron gelandet sein könnte, muss man sich nach diesem Buch nicht mehr machen.

1) Hape Kerkeling: Ich bin dann mal weg
(Malik, 353 Seiten, 19,90 €)
Wellness und Comedy sind die Trends unserer Zeit. Aus diesen Hauptzutaten besteht auch der Sachbuch-Bestseller des Jahres. Kerkelings spirituelle Tippelbruderanekdoten berichten von einer geistigen und körperlichen Entschlackung auf dem Jakobsweg. Unterhaltsam und harmlos bis zur Läppischkeit, sind die spannendsten Momente des Buchs jene, in denen die Toleranzmaske fällt, etwa in der Erlösungsfantasie, in der sich Kerkeling in einen Ordensbruder zurückchannelt, der Kinder vor Nazi-Erschießungskommandos rettet. Allein diese Episode dürfte dafür sorgen, dass der Erfolg des Buchs auf Deutschland beschränkt bleibt.

Die nächste Sendung ist am 2. Februar, 23.30 Uhr 30, mit Ray Bradbury und Hans Magnus Enzensberger.

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