Aufgeschlagen : Zauberwort Bullshit

Denis Scheck, Literaturredakteur im Deutschlandfunk, bespricht monatlich die „Spiegel“-Bestsellerliste, abwechselnd Belletristik und Sachbuch: diesmal Sachbuch, parallel zu seiner ARD-Sendung „Druckfrisch“.

10) Anselm Grün: Anselm Grüns Buch der Antworten

(Herder Verlag, 272 Seiten, 16,90 €) Die industrielle Verfertigung spiritueller Ratschläge lässt sich nirgendwo so schön studieren wie in den sage und schreibe 361 Büchern und Broschüren, Heften und Hörbüchern von, mit und über Anselm Grün, die das Verzeichnis lieferbarer Bücher zu diesem Benediktinermönch ausweist. Sie reichen vom „Kleinen Buch der Engel“ über „Entdecke das Heilige in Dir“ bis zu „Tanze Deine Sehnsucht“. Auch Grüns jüngste Veröffentlichung ist eine wolkenwattige Phrasendreschmaschine. Viel ließe sich über diese Hütchenspielertricks der neuen Wellness & Wohlfühl-Theologie sagen. Nur nicht Ja und Amen.

9) Kathrin Passig und Aleks Scholz: Lexikon des Unwissens (Rowohlt Berlin, 256 Seiten, 16,90 €) Ein Streifzug durch 42 Themenfelder, über die wir heute noch so gut wie gar nichts wissen: Wieso brauchen wir Schlaf? Was ist Geld? Und wie – und vor allem: womit – schnurrt eigentlich eine Katze? Amüsant.

8) Traudl Bünger, Roger Willemsen: Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort (S. Fischer, 230 Seiten, 16,90 €) Ein Buch gewordenes Kabarettprogramm: Dieter Hildebrandt und Roger Willemsen jonglieren mit Zitaten, die eine Kulturgeschichte der Lüge ergeben. Blöder wird man davon nicht – großes Pfadfinderehrenwort.

7) Alan Weisman: Die Welt ohne uns (Deutsch von Hainer Kober, Piper Verlag, 384 Seiten, 19,90 €) Zur beliebten Trotz- und Trostvorstellung kleiner Kinder gehört es, sich die Trauer ihrer Eltern auszumalen, verschwänden sie von einem Tag auf den anderen. Das Muster dieses Gedankenspiels variiert der Amerikaner Alan Weisman und schildert minuziös, wie sich Fauna und Flora auf der Erde nach dem Verschwinden aller Menschen weiterentwickelten. Schöne Idee, für ein ganzes Buch aber zu wenig. Die Sache hat nämlich einen kleinen Haken: Wer wäre über eine Welt ohne Menschen traurig?

6) Eva Maria Zurhorst: Liebe dich selbst und es ist egal, wen du heiratest (Goldmann Arkana, 384 Seiten, 18,50 €) „Verpflichten Sie sich, Ihr Herz und Ihre Sexualität wieder miteinander zu verbinden“, erfahre ich aus dieser Beziehungsfibel. „Das englische Zauberwort“ dafür, so Zurhorst, heiße „commitment“. Für solche wohlfeilen Allerweltsweisheiten kenne ich noch ein anderes englisches Zauberwort. Es heißt „bullshit“.

5) Richard Dawkins: Der Gotteswahn (Deutsch von Sebastian Vogel, Ullstein, 560 Seiten, 22,90 €) Ein flammendes Plädoyer für die Regelung aller öffentlichen Angelegenheiten ohne den lieben Gott, den Ausgang des Menschen aus seiner „kindlichen Indoktrination“ und die Austreibung der „Gotteshypothese“ aus Wissenschaft und Politik. Auch wenn dieses Buch es sich in der Sache mitunter ein wenig zu einfach macht, im Ton manchmal ein wenig zu schrill ausfällt: Es ist eine Wohltat. Der Autor möchte, „dass religiöse Menschen, die sein Buch zur Hand nehmen, es als Atheisten wieder zuschlagen“. Darf man aber dann noch sagen, dass es an ein Wunder grenzt, dass ein so vernünftiges Buch ein Bestseller ist?

4) Rüdiger Safranski: Romantik. Eine deutsche Affäre (Hanser, 416 Seiten, 24,90 €). Vom Sieg der Fantasie über die Wirklichkeit, vom Unbehagen am Leben in einer entzauberten Welt und von Religiosität als Reaktion auf die Moderne: Von all dem erzählt der Philosoph Rüdiger Safranski in seinem grandiosen Buch über die deutsche Romantik. Mal systematisch raffend, mal süffig anekdotisch, ist Safranski, der zuletzt eine große Schiller-Biografie schrieb, immer dann am besten, wenn beides, Denken und Leben der von ihm Geschilderten, in eins fallen. Wenn Sie in diesem Herbst nur ein Sachbuch lesen, dann empfehle ich Ihnen dieses über zwei Jahrhunderte deutscher Geistes- und Mentalitätsgeschichte.

3) Roberto Saviano: Gomorrha (Deutsch von Friederike Haussmann und Rita Seuß, Hanser, 368 Seiten, 21,50 €) Den Opfern der größten europäischen Terrororganisation ein Gesicht geben: Das macht der junge italienische Journalist mit seinem Buch über die Camorra. Das Erschreckende daran: Am Ende weiß man nicht, ob man ein Buch über die im Süden Italiens entstandene Camorra oder einfach über den weltweiten Kapitalismus gelesen hat.

2) Rhonda Byrne: The Secret – Das Geheimnis (Deutsch von Karl F. Hörner, Goldmann Arkana, 240 Seiten, 16,95 €) „Die Emotionen sind ein unglaubliches Geschenk. Sie lassen uns wissen, was wir gerade denken“: Ein Satz, den man sich auf der Zunge zergehen lassen muss, weshalb die australische Autorin dieses Ratgebers ihn auch sofort wiederholt: „Ihre Gefühle teilen Ihnen sehr rasch mit, was Sie gerade denken.“ Auch ich möchte deshalb nicht zögern, Ihnen sehr rasch mitzuteilen, was ich über „The Secret“ denke. Diese Abzockerschrift ist das Dämlichste, was ich seit langem zwischen zwei Buchdeckeln gesehen habe.

1) Hape Kerkeling: Ich bin dann mal weg (Malik, 353 Seiten, 19,90 €) Pilgeranekdoten vom Jakobsweg, aufgeschrieben von Deutschlands beliebtestem Fernsehunterhalter, dessen Einsichten die moralische Komplexität eines Kinderreims aufweisen und denn auch zum gleichen Fazit gelangen wie „Müde bin ich, geh zur Ruh“: „Deine Gnad’ und Jesu Blut machen allen Schaden gut.“

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