AUFGESCHLAGEN.... Zugeschlagen : Ganze Kerle

Denis Scheck, Literaturredakteur beim Deutschlandfunk, bespricht einmal monatlich die "Spiegel"-Bestsellerliste, abwechselnd Belletristik und Sachbuch – parallel zu seiner ARD-Sendung "Druckfrisch".

Denis Scheck

10) Wilhelm Schlötterer: Macht und Machtmissbrauch

(Fackelträger Verlag, 412 Seiten, 22,95 €)

Ein pensionierter bayrischer Finanzbeamter stellt unbequeme Fragen über die kriminellen Verquickungen der Amigos der CSU mit Hendlbratern, Bäderbetreibern und Waffenhändlern. „Warum konnte F. J. Strauß seine Machenschaften so lange treiben, bis er in die Ewigkeit abberufen wurde“, fragt Schlötterer. „Warum habt ihr dem Mann Gefolgschaft geleistet, warum habt ihr ihn immer wieder auf den Schild gehoben?“ Seine Memoiren sind ein ernüchterndes Lehrstück über Filz und Korruption und trösten nur durch eine wirklich schöne Pointe: Der Verfasser ist seit 1975 Mitglied der CSU.


9) Volker Zastrow: Die Vier (Rowohlt Berlin, 415 Seiten, 19,90 €.)

Der Journalist Volker Zastrow hat eine ungewöhnlich spannende und minutiös recherchierte Reportage über die vier SPD-Landtagsabgeordneten Dagmar Metzger, Silke Tesch, Jürgen Walter und Carmen Everts geschrieben, die Andrea Ypsilanti als hessische Ministerpräsidentin von der Linkspartei Gnaden verhinderten. Statt Helden fand Zastrow Menschen. Aus einem davon versucht er aus dramaturgischen Gründen einen Shakespearschen Bösewicht zu konstruieren. Da übertreibt Zastrow in meinen Augen ein wenig: Auf der Bühne in Hessen stand kein Richard III., nur ein Tartuffe.

8) Helmut Schmidt und Giovanni di Lorenzo: Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt (Kiepenheuer & Witsch, 291 Seiten, 16,95 €)

Mit fröhlicher Schnoddrigkeit verbreitet der Ex-Kanzler und Herausgeber der Wochenzeitung „Die Zeit“ seine Meinungen über den Geburtenrückgang (halb so wild), die Kernkraft (halb so schlimm), den NATO-Doppelbeschluss (ganz richtig) sowie die Überwindung des inneren Schweinehundes (ganz, ganz wichtig). Auch wenn man Helmut Schmidt nicht immer zustimmen mag: Seine abgeklärte Souveränität besäßen wir wohl alle sehr gern.

7) Rhonda Byrne: The Secret – Das Geheimnis
(Aus dem Englischen von Karl Friedrich Hörner, Arkana, 237 Seiten, 16,95 €)

Leicht verführbaren Jokeln falsche Komplimente in die Ohren zu blasen, gehört zu den Grundtechniken von Bauernfängern, Quacksalbern und Wahrsagern. Diese hier gehen aber einen Schritt zu weit, wenn sie ihren Lesern sagen: „Sie sind Allmacht. Sie sind Allweisheit. Sie sind All-Intelligenz. Sie sind Vollkommenheit.“ So ist dieses Buch weniger eine Offenbarung esoterischen Geheimwissens als vielmehr der Offenbarungseid einer Gesellschaft, in der Anwälte ihre Sekretärinnen „auspendeln“ und Steuerberater Heilkristalle aufstellen.


6) Eduard Augustin, Philipp von Keisenberg, Christian Zaschke: Ein Mann, ein Buch (SZ Edition, 415 Seiten, 19,90 €)

Ein sympathisches Kompendium all dessen, was einen „ganzen Kerl“ ausmacht, inklusive einer Anleitung zum Bau wirklich guter Papierflieger, unverzichtbarer Tipps zum Entfernen von Nasen- und Ohrenhaaren sowie einer durchaus ausführlichen Beschreibung, wie man mit wenig mehr als einfachen Haushaltsmitteln einen Hirsch ausstopft. Nur: Seit wann müssen Männer eigentlich Servietten falten können?

5) Inge Jens: Unvollständige Erinnerungen (Rowohlt Verlag, 320 Seiten, 19,90 €)

Inge Jens ist die Herausgeberin der Tagebücher Thomas Manns, Autorin erfolgreicher Biografien wie „Frau Thomas Mann“ und Ehefrau von Walter Jens. Ihre Rückschau auf ein fleißiges, hauptsächlich in Tübingen verbrachtes Leben ist eine durchweg angenehme und anregende, am Ende auch anrührende Lektüre, die höchstens wie die Stadt Tübingen selbst ein wenig darunter leidet, dass sie auf die Zumutungen des Lebens, seien es der Tod, die Achtundsechziger oder die Eitelkeit Hans Mayers, mit zu großer Freundlichkeit reagiert.

4) Edmund Hartsch: Peter Maffay– Auf dem Weg zu mir
(C. Bertelsmann Verlag, 416 Seiten, 24, 95 €.)

Eines muss man Edmund Hartsch lassen: Faktenreichere 416 engst bedruckte Seiten über einen zweitrangigen deutschen Unterhaltungsmusiker kann man sich kaum vorstellen. Wie macht Edmund Hartsch das? Ganz einfach – Peter Maffay kommt aus Siebenbürgen, also beginnt das Kapitel über seine Herkunft so: „Um 1526 wurde das ungarische Heer von den Türken bei Mohács überrannt und vernichtend geschlagen. Transsylvanien und das Gebiet des heutigen Rumänien fielen dem Osmanischen Reich zu ...“ Bis zur Erfindung der Schallplatte sind dann gefühlte 200 Seiten vergangen.


3) Michael Jürgs: Seichtgebiete
(C. Bertelsmann, 256 Seiten, 14,95 €.)

Wer ist verantwortlich für die gefühlte Verblödung der deutschen Bevölkerung, fragt der Journalist und Biografienverfasser Michael Jürgs und landet natürlich bei den üblichen Verdächtigen: Barth, Bohlen, Klum & Co. Weil sich Michael Jürgs aber um echte Recherche drückt, weder Entscheidungswege in den Redaktionen analysiert, die Interessenlagen von Wirtschaft und Politik benennt oder gar die Strukturen unserer Begehrens diskutiert, bleibt seine Kampfschrift wider den öffentlich-rechtlichen und privaten Schwachsinn im Bierdunst des Stammtischs stecken und kommt über die Form eines 256 Seiten langen Leitartikels kaum hinaus.


2) Richard David Precht: Wer bin ich und wenn ja wie viele (Goldmann Verlag, 398 Seiten, 14,95 €.)

Populäre Einführungen in die Philosophie gibt es viele. Was mir an dieser so gut gefällt, ist die Ehrlichkeit, mit der Richard David Precht auch die weißen Flecken im Atlas unseres Wissens vermerkt, etwa wenn er schreibt: „Das psychologische Verhältnis zum Eigentum, mithin die ,Liebe’ zu den Dingen, die mir gehören, ist eines der am schlechtesten beleuchteten Kapitel im Buch der menschlichen Psyche.“ Genau das aber, ein Buch der menschlichen Psyche, hat Precht geschrieben.


1) Eckhart von Hirschhausen: Glück kommt selten allein (Rowohlt Verlag, 384 Seiten, 18,90€.)

Der Autor dieses Ratgebers der positiven Psychologie hat sich in einem persönlichen Schreiben über meinen Verriss seines Buches bei mir beschwert. Falsch an meiner Kritik sei unter anderem, sein Buch sei an Banalität nicht zu übertreffen, so der gelernte Mediziner Eckhart von Hirschhausen, ich kennte ja seine beiden vorherigen Bücher nicht. Sagen wir so: Wäre „Glück kommt selten allein …“ so witzig wie von Hirschhausens Briefe, ich würde es loben.

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