Auflagen - gedruckt und virtuell : Digital aufschneiden

Gedruckte Ausgaben der Preisträger werden aufgestockt - noch. Gerrit Bartels über Herta Müller, Bestsellerlisten und das E-Book.

Gerrit Bartels

Literaturnobelpreis hin, Deutscher Buchpreis her: Es ist noch etwas gewöhnungsbedürftig, die beiden Autorinnen und ihre Romane so weit oben auf den Bestsellerlisten stehen zu sehen, zwischen all den Dan Browns, Frank Schätzings und Stephenie Meyers. Der aktuelle „Spiegel“ listet Herta Müller auf Platz 3 und Kathrin Schmidt auf Platz 6, bei „Focus“ rangiert Müller auf Position 2, Schmidt auf 4. Und bei Amazon stehen beide auf den Verkaufsrängen 7 und 14.

Zwei Bücher, die sich nicht schnell wegkonsumieren lassen, auf die man sich einlassen muss, die nachhallen. Und die durch ihre Preise zu unerwarteten Publikumsehren gelangt sind: Der Hanser Verlag ließ von Müllers „Atemschaukel“ 120.000 Exemplare nachdrucken, bei Kiepenheuer & Witsch wurden von Schmidts „Du stirbst nicht“ nach dem Buchpreis 90.000 Exemplare nachbestellt. Dass das nicht alles gewesen sein muss, beweisen Zahlen für die Buchpreisgewinner 2007 und 2008: Julia Francks Roman „Die Mittagsfrau“ hat inzwischen eine Auflage von 400.000, Uwe Tellkamps „Der Turm“ liegt bei über einer halben Million.

Dass diese Zahlen für die gedruckten, analogen Ausgaben gelten, versteht sich – noch. Als Müllers „Atemschaukel“ während der Buchmesse bei Libreka, der E-Book-Plattform des Börsenvereins, zum kostenlosen Download angeboten wurde, brach der Server zusammen und die Aktion wurde um einen Tag verlängert. Der Ansturm ist ein schlagender Beweis dafür, dass gute Literatur im E-Book-Format erfolgreich sein kann. Und dass viele Leser ernsthaft daran interessiert sind, in Erfahrung zu bringen, was diese Herta Müller so schreibt.

Tatsächlich ist die digitale „Atemschaukel“-Ausgabe genau wie eine irgendwann einmal vorliegende digitale Proust- oder Thomas-Mann-Werkausgabe etwas für hartgesottene Leser, zumal wenn sie gutes Geld dafür bezahlt haben. Renommieren lässt sich damit kaum. Das Werk gut sichtbar ins Bücherregal stellen oder im Bekanntenkreis verschenken, um einen hohen Bildungsgrad und Kenntnis der zeitgenössischen Literatur zu demonstrieren – das geht nur mit Print-Ausgaben.

Wer mit seiner Kulturbeflissenheit beeindrucken will, muss sich andere Techniken ausdenken. Wie wär’s mit ein paar Seiten Herta Müller, per MMS auf ein i-Phone gesandt? Oder zum Geburtstag ein E-Book, per Mail mit digitaler roter Schleife dazu? Für die Literatur muss das nicht das Schlechteste sein, provoziert der direkte Zugang doch Reaktionen, Gespräche. Die Zeit der stillen Bildungsprotzerei ist vorbei.

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