Auszeichnung : Eugen Ruge gewinnt Alfred-Döblin-Preis

Triumph eines Außenseiters: Mit seinem Prosa-Debüt gewinnt Eugen Ruge den Berliner Alfred-Döblin-Preis.

Katrin Hillgruber

Deutschland, wo aber liegt es? Für Eugen Ruge, den Überraschungssieger des Wettlesens zum Alfred-Döblin-Preis am Wochenende im Literarischen Colloquium Berlin, irgendwo zwischen Mexiko und Sibirien. Diese weite Perspektive wurde ihm gleichsam in die Wiege gelegt. Nun trägt sie sein Prosadebüt mit dem Arbeitstitel „In Zeiten des abnehmenden Lichts“, einen autobiografisch grundierten Familienroman der Jahre 1952 bis 2001. Der für einen „gewordenen“ Berliner recht schüchtern wirkende Ruge wurde 1954 in Sosswa im Ural geboren, als Sohn einer Emigrantenfamilie, die alsbald in die junge DDR zurückkehrte. Er studierte Mathematik an der Humboldt-Universität und ging ans Zentralinstitut für Physik der Erde in Potsdam. Mit 31 kam der Umschwung ins Musische: Ruge begann als Dokumentarist für die Defa und das Theater zu arbeiten, übersetzte außerdem Tschechow. Vor allem das Hörspiel muss sein Talent zur Figurenzeichnung auf engstem Raum befördert haben; jüngstes Beispiel ist die rbb-Produktion „Familienbildnis mit Katze“ (2009).

Im Literarischen Colloquium Berlin, das traditionell den mit 15 000 Euro dotierten Preis gemeinsam mit der Akademie der Künste ausrichtet, drohten nach den Lesungen der sechs Finalisten (aus 427 Bewerbungen) schon die Grillwürste zu verkohlen, als sich die Jury – bestehend aus Christian Döring, Cecilia Dreymüller und Frank Heibert – endlich auf Eugen Ruges recht behäbige Historiensaga geeinigt hatte. In 18 schlaglichtartigen Kapiteln schildert er, was mit einer deutschen Familie im 20. Jahrhundert geschieht, die sich mit Haut und Haar den kommunistischen Idealen verschreibt und dann alle Abgründe einschließlich der Moskauer Schauprozesse und der Drangsalierung im Kleinbürgerstaat DDR durchmacht.

Ruges großer, geschichten- und bildersatter Bogen (für den er noch keinen Verlag gefunden hat) setzt 1952 in Mexiko ein. Entsprechend Bertolt Brechts Forderung, die Köchin möge den Staat regieren, erhält die Kunststopferin, Redakteurin und KPD-Aktivistin Charlotte an ihrem mexikanischen Zufluchtsort das Angebot aus Ost-Berlin, an einer neugegründeten Akademie Literatur zu lehren. Kaum angekommen, beginnen sie und ihr Lebensgefährte zu ahnen, dass sie in ein Gefängnis zurückgekehrt sind. Zwar wechselt Ruge in jedem Kapitel die Perspektive, doch scheint die erzählte Zeit der frühen fünfziger Jahre seinen Stil affiziert zu haben. Die selige Anna Seghers und andere Exponenten des sozialistischen Realismus jedenfalls hätten an dieser rechtschaffenen „Die Partei ruft dich“-Tragödie und ihrem biederen Humor („Nun galt es, mit den Weinbeeren hauszuhalten.“) sicher ihre Freude gehabt, auch wenn der Preisstifter Günter Grass beteuerte, Ruge schreibe im Sinne Döblins. Für Döblin, den Grass seinen „Lehrer“ nennt, setzt sich der 81-Jährige bewundernswert unermüdlich ein. Bei der Preisverleihung in der Akademie der Künste fesselte Günter Grass das Auditorium mit einer Lesung aus Alfred Döblins gewaltigem Zukunftspanorama „Berge, Meere und Giganten“, in dem er 1924 erschreckend prophetisch die industrielle Enteisung Grönlands imaginierte.

Ohne Dampf keine Aktion: Wann immer im Literarischen Colloquium unter dem Foto Hans Werner Richters eine Rauchwolke emporstieg, kündigte sich eine scharfzüngige Bemerkung des Nobelpreisträgers an. Ein Donnerwetter erlebte Harriet Köhler, als sie die beliebig erzählte Rückkehr eines Sohnes zu seinem demenzkranken Vater vortrug, wobei es um Stille und konkurrierende Badezimmergerüche ging. Grass geißelte bei der x-ten Familiengeschichte dieses Tages „eine Risikofeindlichkeit bei der Bewältigung von Stoffen, die einen gewissen epischen Aufwand verlangen“. In ihrer Traditionsblindheit schrieben die jüngeren Autoren oft so, als hätte es keine moderne Prosa gegeben. Wie wahr!

Das Nachdenken der Kinder über ihre abwesenden Väter und das Nachdenken von Vätern über sich selbst war das bestimmende Thema dieses Wettbewerbs. Der Rostocker Volker H. Altwasser exerzierte expressiv, aber mit sprachlichen Qualitätsschwankungen die Abrechnung mit einem verstorbenen Vater, die den Sohn bis auf einen einsamen Fischtrawler führt („Fische häuten, heißt Erinnerungen häuten.“).

Zsuzsa Bánk dagegen erging sich in einer süddeutschen Kleinstadtidylle, wiederum der fünfziger Jahre. Umgeben von vorhersehbaren Phänomenen wie „ratternden Güterzügen“, „farbigen Autos und bunten Einkaufsnetzen“ beobachtet die kindliche Erzählerin dieses so elegischen wie konventionellen Textes, wie ihre Freundin Aja ihr „zigeunerhaftes“ Außenseiterdasein meistert, einschließlich sporadisch anwesendem Magier-Vater.

Die nicht unumstrittene Jury-Entscheidung für Eugen Ruge warf den Favoriten Thomas Hettche überraschend aus dem Rennen. Zuletzt hatte er 2006 den verstörenden, wie immer stilistisch brillanten Amerika- und Selbstfindungsroman „Woraus wir gemacht sind“ vorgelegt. In seinem aktuellen Manuskript „Die Liebe der Väter“ bewegt er sich scheinbar ganz an der Oberfläche der Begegnung eines geschiedenen Vaters mit seiner halbwüchsigen Tochter zur Jahreswende auf Sylt. Unausgesprochene Verluste („Wie sehr ich sie vermisse, obgleich sie doch da ist.“) spiegeln sich in den Beschreibungen einer Natur, auf die kein Verlass mehr ist und die jederzeit zur Bedrohung werden kann. Aber auch Michael Roes, der Weltreisende, wagte erneut Welthaltiges, diesmal in Form einer Chinoiserie namens „Die Fünf Farben Schwarz“. Hier weht der frische Wind des Experiments, mit allen Fährnissen, die Literatur im Sinne Döblins erst ausmachen.

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