Auszeichnung : Franzose Le Clézio erhält Literaturnobelpreis

Der Literaturnobelpreis 2008 geht an den Franzosen Jean-Marie Gustave Le Clézio mit der Begründung, Le Clézios sei der "Verfasser des Aufbruchs, des poetischen Abenteuers und der sinnlichen Ekstase".

Literaturnobelpreis
Der Franzose Jean-Marie Gustave Le Clézio bekommt den Literaturnobelpreis 2008. -Foto: AFP

StockholmAls erster Franzose seit knapp einem Vierteljahrhundert erhält der Romancier Jean-Marie Gustave Le Clézio (68) den Literaturnobelpreis. Die Schwedische Akademie begründete ihre Entscheidung am Donnerstag in Stockholm mit Le Clézios Rolle als "Verfasser des Aufbruchs, des poetischen Abenteuers und der sinnlichen Ekstase".

An einen gebürtigen Franzosen war der berühmteste Literaturpreis der Welt zuletzt 1985 gegangen, als Claude Simon ausgezeichnet wurde; im Jahr 2000 erhielt der in Frankreich lebende Exil-Chinese Gao Xingjian den Preis. Der Sprecher der Schwedischen Akademie, Horace Engdahl, meinte nach der Bekanntgabe der Entscheidung: "Le Clézio hat ein großes Autorenwerk im klassischen Sinne präsentiert. Mit mehr als 40 Werken steht es ungeheuer stark da."

Der Nobelpreis für Literatur wird seit 1901 - mit Unterbrechungen vor allem in den Weltkriegen -jährlich vergeben. Nach dem testamentarischen Willen des schwedischen Preisstifters Alfred Nobel erhält derjenige den Preis, "der in der Literatur das Ausgezeichnetste in idealistischer Richtung hervorgebracht hat". Es soll von sehr hohem literarischem Rang sein und dem Wohle der Menschheit dienen.

Jean-Paul Sartre lehnte den Preis ab

In den Jahren 1914, 1918, 1935 sowie von 1940 bis 1943 wurde kein Literaturnobelpreis vergeben. Vier Mal - 1904, 1917, 1966 und 1974 - mussten sich zwei Schriftsteller die Auszeichnung teilen. Zwei Autoren lehnten den Nobelpreis ab: 1958 musste der sowjetische Autor Boris Pasternak den Preis auf Druck seiner Regierung hin zurückweisen. Der Franzose Jean-Paul Sartre weigerte sich 1964, die Auszeichnung anzunehmen.

Le Clézio wurde seit einigen Jahren als einer von vielen Anwärtern auf den Literaturnobelpreis genannt, gehörte aber nie zum engeren Favoritenkreis. In diesem Jahr galt unter anderem auch die in Berlin lebende Rumäniendeutsche Herta Müller (55) als aussichtsreiche Anwärterin. Engdahl hatte eine Woche vor der Vergabe Aufsehen mit pauschaler Schelte an der US-Literatur erregt, die gleich mehrere Dauerfavoriten auf den Nobelpreis wie Don DeLillo, Thomas Pynchon oder Philip Roth stellt. Dabei hob Engdahl die europäische Literatur als nach wie vor "führend" in der Welt heraus.

Von den letzten zehn Nobelpreisträgern für Literatur waren sieben Europäer. Im vergangenen Jahr hatte die Britin Doris Lessing (88) den Preis aus Stockholm bekommen. Sowohl Lessing wie vorher schon deren Landsmann Harold Pinter und 2004 die Österreicherin Elfriede mussten die Teilnahme an der feierlichen Verleihung jeweils am 10. Dezember wegen gesundheitlicher Probleme absagen. Bei Le Clézio galt am Donnerstag als sicher, dass er zur Entgegennahme des Diploms und der Dotierung von zehn Millionen Kronen (eine Million Euro) aus der Hand von König Carl XVI. Gustaf in Schwedens Hauptstadt kommen wird.

"Der Afrikaner" handelt von Le Clézios Reise zu seinem Vater

Der Autor sagte in einem vor der Entscheidung aufgenommenen Interview des schwedischen Fernsehens: "Für mich hat immer die Suche nach meiner Identität und meinen Wurzeln die entscheidende Rolle gespielt. Ich wollte meinen Vater verstehen." Der Anhänger des in Frankreich geprägten Existenzialismus gab 1963 sein literarisches Debüt. Der als "gut zugänglich" geltende Autor hat aber neben Romanen zu grundsätzlichen Fragen der Zivilisation und Freiheit auch Kinder- und Jugendbücher veröffentlicht. Auf Deutsch erschien zuletzt 2007 "Der Afrikaner" (Hanser Verlag), in dessen Zentrum der Vater des Schriftstellers steht.

Der in Nizza geborene Clézio - seine Mutter war Französin - studierte Literaturwissenschaft und war nach dem Studium als Lektor in Bristol, London und Aix-en-Provence tätig. Als er 1963 mit 23 Jahren seinen ersten Roman "Das Protokoll" veröffentlichte, lobte ihn die Fachkritik einstimmig als eines der erstaunlichsten und eigenwilligsten Talente der modernen französischen Literatur. Das von Le Clézio als "Spielroman" bezeichnete Werk wurde im Umkreis des "nouveau roman" (Neuer Roman) angesiedelt und mit dem renommierten Literaturpreis Théophraste-Renaudot ausgezeichnet.
Seitdem hat der vielfach Ausgezeichnete über dreißig Bücher geschrieben, darunter Erzählungen, Romane, Essays, Novellen und Übersetzungen indischer Mythologie. (kk/dpa)  



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