Autobiographie : Seine besten Jahre

Wie er zum „Kanzler der Einheit“ wurde: Helmut Kohl legt den dritten Band seiner Erinnerungen vor.

Robert Birnbaum
Kohl Foto: Ullstein / adn
Der ist groß. Helmut Kohl beim Wahlkampf der unionsnahen "Allianz für Deutschland" im Februar 1990 in der Noch-DDR. -Foto: Ullstein / adn

Man kann Helmut Kohl als Biografen seiner selbst einiges vorhalten, mangelnde Ehrlichkeit über seine Motive aber nicht. Schon im Vorwort seines dritten Bandes der „Erinnerungen“ macht der Altkanzler deutlich, was ihn zum Schreiben bewogen hat: Da will einer, der die Geschicke der Republik 16 Jahre lang gelenkt hat, noch einmal seine eigene Elle an die Geschehnisse legen, bevor Historiker und andere Zeitendeuter die Interpretationshoheit an sich ziehen können. Nicht aus der Warte des Wissenschaftlers, auch nicht aus der abgeklärt-kritischen Rückschau des „elder statesman“ heraus wolle er über diese Jahre berichten, teilt Kohl dem Leser mit, sondern aus der Perspektive des Zeitgenossen, seiner damaligen Motive, Einsichten, aber auch Fehlsichten. Und er verspricht, nach Möglichkeit der Versuchung zu entgehen, die Dinge so zu schildern, „wie ich sie heute vielleicht gerne sehen würde“.

Das ist ein hoher Anspruch, dem er nicht durchgängig gerecht wird und vermutlich auch gar nicht gerecht werden kann. Dem Autobiografen Kohl kommt dabei nämlich der Politiker in die Quere. Zum Wesen des Politikers aber gehört es, dass bei ihm der Prozess der Selbstrechtfertigung schon in dem Moment einsetzt, in dem er handelt, in Echtzeit sozusagen. Der Kanzler und CDU-Vorsitzende muss die spannenden Jahre 1990 bis 1994 gar nicht im Nachhinein verklären; er hat sie schon durch eine getönte Brille wahrgenommen. Die sorgt dafür, dass das eigene Tun als aus der Zeit heraus stets verständlich und vernünftig erscheint – immer wieder betont Kohl, dass ein planvoller Weg zur Einheit gar nicht möglich gewesen sei. Die Einwände, Bedenken und Gegenpositionen der politischen Widersacher kommen hingegen nur als das kleinliche Gemeckere ideologisch verblendeter Neinsager vor. Einmal, als von der Rentenversicherung die Rede ist, gesteht Kohl ein, dass er notwendige Reformen hat liegen lassen. Aber dem Eingeständnis folgt sofort wieder die Entschuldigung: Wir hatten doch auch so mehr als genug zu tun.

Nun liegt in dieser gnadenlosen Einseitigkeit natürlich genau der Reiz der mit gut 750 Seiten Abende füllenden Lektüre. Eigentlich ist die einem Leser kaum zuzumuten, der nicht aus fachlichen Gründen bestimmte Details des Wegs zur deutschen Einheit nachschlagen will. Aber dazwischen eingestreut geht mit Kohl immer wieder der alte Kavalleriegaul durch, der schnaubend in Richtung Feind lostrabt. Da wird dann auch der sonst so nüchtern-korrekte Ton plötzlich scharf und präzise. „Sie redete mit einer unglaublichen Geschwindigkeit und ließ mich kaum zu Wort kommen“, heißt es zum Beispiel über Margaret Thatcher. „Nahm ich mir dennoch das Wort, fuhr sie regelmäßig dazwischen: ‚Unterbrechen Sie mich nicht! Sie reden dauernd!’“ Man sieht den Zwangsverstummten förmlich vor sich!

Der Eisernen Lady gesteht er immerhin zu, dass sie mit offenem Visier gegen die Einheit der Deutschen focht. Unnachgiebig verfolgt er hingegen die führenden Sozialdemokraten, sofern sie nicht Willy Brandt heißen. Über Walter Mompers Abwahl freut sich Kohl geradeheraus, auch Gerhard Schröder, Hans Jochen Vogel und Oskar Lafontaine sind ihm bloß geschichtsvergessen vaterlandslose Gesellen. Mit der händereibenden Freude des Detektivs, der den Täter überführt sieht, zitiert Kohl aus einem Gesprächsprotokoll der damaligen SPD-Spitze mit Michail Gorbatschow, dem die Besucher in Moskau ihre Bedenken gegen Kohls Kurs zur Einheit vortragen. Ein „Dokument der Erbärmlichkeit“ nennt der Altkanzler diese Aufzeichnungen, die ihm aufgrund seiner Position exklusiv zur Verfügung standen – wie andere interne Protokolle auch, die für jeden anderen Autor noch auf Jahrzehnte in Archiven verschlossen sind.

Solch privilegierter Zugang trägt sicher dazu bei, dass das zentrale Thema dieses dritten Teils der „Erinnerungen“ sehr detailliert ausfällt – die Verhandlungen auf Chef-Ebene über die außenpolitische Vollendung der Einheit, den Zwei-plus-Vier-Vertrag. Die Gespräche mit George Bush senior, Francois Mitterrand, Michail Gorbatschow sind bis in Wortlaut-Auszüge hinein geschildert. In diesen Passagen wird etwas von dem Verdienst deutlich, das Kohl zum „Kanzler der Einheit“ hat werden lassen – der Balanceakt zwischen Weltmächten, die einem großen Deutschland im Zentrum Europas misstrauten, das Wettrennen gegen die Zeit.

Dafür fällt anderes fast völlig aus. Auf innen-, gar parteipolitische Dinge geht Kohl höchst kursorisch ein. Gut, sie haben ihn vielleicht nicht so beschäftigt; diese vier Jahre als Kanzler der Einheit waren seine besten. Um so neugieriger wird man auf den angekündigten vierten und letzten Teil der Memoiren. Vielleicht klärt sich ja dort ein Satz näher auf wie der, er sei immer der Meinung gewesen, dass Wolfgang Schäuble der richtige Mann als sein Nachfolger gewesen wäre.

- Helmut Kohl: Erinnerungen 1990-1994. Droemer / Knauer Verlag, München 2007. 784 Seiten, 29,90 Euro.

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