Barack Obama : Der Herausforderer

'''Hoffnung wagen'': Barack Obama hat aufgeschrieben, wie er die USA verändern will.

Christoph von Marschall
Obama
Barack Obama. Der Kandidat aus Illinois besticht durch seinen mitreißenden Idealismus.Foto: AFP

Es ist höchste Zeit, dass Deutsche sich ein Bild von Barack Obama machen. In den USA ist die Unzufriedenheit mit George W. Bush und seiner Republikanischen Partei zwar nicht ganz so verbreitet wie in Europa. Aber nach der herrschenden Stimmungslage ist es sehr wahrscheinlich, dass die Demokraten die Präsidentenwahl im November 2008 gewinnen. In den Umfragen haben zwei Bewerber die besten Aussichten auf die Nominierung: Hillary Clinton, Ehefrau des Amtsinhabers der Jahre 1993 bis 2001, Bill Clinton. Und Barack Obama, der jugendliche schwarze Senator aus Illinois. Sie wäre die erste Frau im mächtigsten politischen Amt der Erde, er der erste „African American“. Von Hillary und über Hillary liegen bereits eine Handvoll Bücher in deutscher Übersetzung vor. „Hoffnung wagen“ ist dagegen der erste Titel, der ihren Rivalen dem deutschsprachigen Publikum vorstellt.

Barack Obama hat bereits Millionen Menschen fasziniert: durch seine Lebensgeschichte, durch sein gewinnendes Auftreten, seine Rhetorik und sein Charisma – und er ist ein begnadeter Schreiber. Er verkörpert Amerikas Traum von einer rassenlosen Gesellschaft. Seine Mutter war eine Weiße aus Kansas, sein Vater ein Gaststudent aus Kenia, geboren wurde er 1961 auf Hawaii, dort wuchs er auch auf. In der politischen Debatte weigert er sich, die unter Demokraten wie Republikanern verbreitete Verteufelung des jeweils gegnerischen Lagers mitzumachen. Er verspricht, die Nation nach den spaltenden Bush-Jahren zu einen.

Er hat sich den Ruf erworben, parteiübergreifende Mehrheiten zu organisieren: für die Reform der Todesstrafe in Illinois, für Bildungskredite für ärmere Studenten und für den Kampf gegen Aids. Den Irakkrieg hat er von Anfang an einen Fehler genannt. Wegen seines frischen Stils und wegen des Generationsunterschieds zu Hillary Clinton und den anderen Präsidentschaftsbewerbern vergleicht man ihn mit John F. Kennedy. Der war in Obamas Geburtsjahr 1961 mit nur 43 Jahren ins Weiße Haus eingezogen.

Bereits Obamas erstes Buch, „Dreams from my father“, wurde ein Bestseller, freilich nicht in der ersten Auflage 1995, sondern erst im zweiten Anlauf 2004, als der Autor bereits berühmt war. Es ist eine beeindruckende Schilderung der Auseinandersetzung mit seinem abwesenden Vater und der Suche nach seiner Identität als schwarzer US-Bürger. Für die Hörbuchfassung erhielt er 2006 einen Grammy. Sein zweites Werk, „The Audacity of Hope“, das im Herbst 2006 erschienene Original der nun vorliegenden deutschen Version, hielt sich 30 Wochen lang auf der Sachbuch-Bestsellerliste der „New York Times“. Es dürfte sich inzwischen mehr als eine Million Mal verkauft haben.

Von den Grundqualitäten des Originals wird auch der Leser der deutschen Übersetzung profitieren. In anschaulicher Sprache, mit Sachbeispielen und vielen Anekdoten beschreibt Obama seine politischen Standpunkte, die prinzipiellen ideologischen Unterschiede zwischen Demokraten und Republikanern, die Wertedebatte um Religion und Abtreibung, die Rassenfrage, die Außenpolitik – und humorvoll selbst die persönlichen Begegnungen mit George W. Bush.

Er führt den Leser weit weg von den in Europa kursierenden Klischees über die US-Politik und mitten hinein in die großen Streitfragen der amerikanischen Gesellschaft. Das ist lehrreich für Europäer und bewahrt sie vor unrealistischen Erwartungen an einen Machtwechsel im Weißen Haus. Auch ein Präsident Obama (oder eine Präsidentin Hillary Clinton) würde die Militärmacht weltweit gegen Terroristen einsetzen. Auch sie halten die US-Verfassung und das amerikanische Gesellschaftsmodell in einer fast messianischen Art für das Beste in der Welt. Sie wollen zwar Krankenversicherung für alle, aber keinesfalls Europas Sozialstaat. An dem kritisiert Obama, er sei zu sehr verteilungs- und zu wenig wachstumsorientiert.

Der junge schwarze Senator besticht durch seinen mitreißenden Idealismus, was Amerika mit gutem Willen alles erreichen kann – und die ganze Welt unter US-Führung. Das außenpolitische Kapitel ist freilich recht wolkig. Konkret und überzeugend sind nur die Passagen über Indonesien, wo er einige Jahre als Kind lebte, und die über Afrika, das er mehrfach besucht hat. Ansonsten merkt man hier, dass ihm die Erfahrung eines langjährigen Spitzenpolitikers noch fehlt.

Das Lesevergnügen wird allerdings eingeschränkt durch eine lieblose Übersetzung und die offenbar sorglose Betreuung durch den deutschen Riemann Verlag. Bereits der Klappentext enthält grobe Fehler. Obama wurde nicht erst 2002, sondern bereits 1996 in den Senat von Illinois gewählt. Den US-Senatssitz in Washington eroberte er 2004 nicht als „Vertreter seines Landes“, sondern des Bundesstaats Illinois.

Die Übersetzer sind offenkundig mit dem amerikanischen Alltag nicht vertraut. Aus „Restroom“, der Toilette, wird ein „Ruheraum“. Die fehlende Krankenversicherung armer Bürger („gaps in coverage“) übersetzen sie als „Lücken in der Bedarfsdeckung“. Irreführend ist auch ihre Erläuterung von „Intelligent Design“. Tatsächlich ist es die Lehre gläubiger Christen, dass sich die Komplexität der Natur nur durch eine wohlbedachte Schöpfung Gottes erklären lasse, nicht aber durch einen Urknall. Im Buch wird der Ansatz religionsfrei definiert als „These, dass bestimmte Merkmale des Universums und Lebens eher durch eine Intelligenz erklärt werden können als durch einen ungeleiteten Vorgang wie die natürliche Selektion“. Solche Fehler durchziehen leider das ganze Werk.

Dennoch bleibt das Buch lesenswert. Wer genug Englisch beherrscht, sollte sich aber besser das Original besorgen.

– Barack Obama:
Hoffnung wagen. Riemann Verlag, München 2007. 480 Seiten, 19 Euro.

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