Barbara Beuys : Denken statt Schwärmen

Barbara Beuys begibt sich auf die Suche nach dem inneren Wesen von Sophie Scholl

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Freiheit. Sophie Scholl verabschiedet 1942 am Münchner Ostbahnhof Kommilitonen an die Front. Foto: AKG

Freiheit, das war ihre Parole. Sophie Scholl hat sie heimlich in der Haft auf die Rückseite ihrer Anklageschrift geschrieben. Ein Kassiber, der erst nach Jahrzehnten entdeckt wurde. Die Anklage warf ihr vor, gemeinsam mit ihrem Bruder Hans Scholl und dem Freund Christoph Probst versucht zu haben, „hochverräterisch mit Gewalt die Verfassung des Reichs zu ändern; die Wehrmacht zur Erfüllung ihrer Pflicht untauglich zu machen; öffentlich den Willen des deutschen Volkes zur wehrhaften Selbstbehauptung zu zersetzen“. Martialisches Juristendeutsch, dem Sophie Scholl dieses eine Wort entgegensetzte: Freiheit. Als sie es auf die Akte kritzelte, muss Sophie Scholl gewusst haben, dass sie nicht mehr lange leben würde. Hochverrat, darauf stand im Deutschland des Jahres 1943 die Todesstrafe. Als sie die Anklageschrift las, das hat eine Mitgefangene berichtet, zitterten ihre Hände.

Sophie Scholl wurde keine 22 Jahre alt. Sie starb am 22. Februar 1943 unter dem Fallbeil, vier Tage nachdem sie mit ihrem Bruder in der Münchner Universität beim Verteilen von Flugblättern verhaftet worden war. Die Bilder, die man von ihr kennt, zeigen eine selbstbewusst und ernst wirkende junge Frau mit erstaunlich androgyner Frisur. Über diese körnigen Schwarz-Weiß-Fotos haben sich längst andere Bilder gelegt. Kinobilder: Lena Stolze, die als Sophie Scholl in Michael Verhoevens Film „Die weiße Rose“ durch das verdunkelte München radelt, euphorisiert und bedroht. Julia Jentsch, die in „Sophie Scholl – die letzten Tage“ ihrem Gestapo-Vernehmer beharrlich trotzt.

Posthum ist Sophie Scholl zu einer Inkarnation des Guten aufgestiegen, ähnlich wie Anne Frank steht sie mit ihrem Rebellionsgeist, ihrer Jugend und ihrem Charisma stellvertretend für die Opfer des Nationalsozialismus. „Brave, herrliche junge Leute!“, schwärmte Thomas Mann im Juni 1943 in einer Radioansprache der BBC über die Geschwister Scholl und die „Weiße Rose“. „Ihr sollt nicht umsonst gestorben, sollt nicht vergessen sein!“ Die Prophezeiung des Großschriftstellers hat sich erfüllt. Es dürfte kaum eine deutsche Stadt geben, in der nicht eine Schule, eine Straße oder wenigstens ein Jugendzentrum nach den Widerstandskämpfern benannt wurde.

„Kommilitoninnen! Kommilitonen!“ – das sechste und letzte Flugblatt der Weißen Rose ist ein flammender Aufruf, entstanden in den Tagen nach der Kapitulation von Stalingrad. „Dreihundertdreißigtausend Deutsche Männer hat die geniale Strategie des Weltkriegsgefreiten in Tod und Verderben gehetzt. Führer, wir danken dir! Der deutsche Name bleibt für immer geschändet, wenn nicht die deutsche Jugend endlich aufsteht, rächt und sühnt zugleich, seine Peiniger zerschmettert und ein neues, geistiges Europa aufrichtet.“ Das kämpferische Pathos kommt einem heute fremd vor, zwischen den Zeilen ist Verzweiflung zu spüren, Resignation gar. Denn die „deutsche Jugend“ war keinesfalls bereit, „endlich“ gegen das Regime aufzustehen. Die vorangegangenen Flugblätter waren wirkungslos geblieben. Ein Volksaufstand stand nicht bevor.

Am helllichten Tage, morgens um viertel vor elf, Flugblätter im Entree der Ludwig-Maximilians-Universität zu verteilen, war eine tollkühne, geradezu selbstmörderische Aktion. „War es wirklich ,Übermut’ oder ,Dummheit’ und nicht ein öffentliches Fanal, das Sophie und Hans Scholl bewusst inszenierten?“, fragt Barbara Beuys jetzt in der bislang umfassendsten, sehr lesenswerten Sophie-Scholl-Biografie. Die ehemalige „Zeit“-Redakteurin, die bereits Bücher über Annette von Droste-Hülshoff und Paula Modersohn-Becker veröffentlicht hat, kommt zu keiner endgültigen Antwort. Stattdessen versammelt sie die Fakten und überlässt dem Leser das Urteil. Hans Scholl fühlte sich seit Monaten von der Gestapo überwacht. Der Druck wuchs, die Geschwister mussten die restlichen 1500 Flugblätter, die in ihrer gemeinsamen Wohnung lagerten, loswerden. Ihr Plan war riskant, aber nicht undurchführbar.

Bislang war immer alles gut gegangen, selbst als Hans Scholl und Alexander Schmorell nachts in der Münchner Innenstadt „Nieder mit Hitler“ und „Freiheit“ auf Mauern geschmiert hatten. Und auch die Aktion in der Universität scheint zunächst zu glücken. Eine Suspense-Szene wie von Hitchcock: Sophie und Hans Scholl sind schon wieder am Ausgang, gleich werden sich die Türen der Hörsäle öffnen. Da machen sie kehrt, laufen in den ersten Stock, verteilen weitere Flugblattstapel und eilen die Treppe zum zweiten Stock hinauf. Als Sophie eine Handvoll Flugblätter in den Lichthof wirft, wird ein Hausmeister, SA-Mitglied seit 1933, aufmerksam. Er schreit „Ich verhafte Sie!“ und hält die Geschwister fest.

Sophie Scholl war eine Realistin, keine Träumerin. Sie „zog das Denken dem Schwärmen vor“, resümiert Beuys. Diese Haltung resultierte aus einer Mischung von schwäbischem Pietismus und widerborstigem Familiengeist. Der Goethe- Vers „Allen Gewalten / Zum Trutz sich erhalten“ wurde bei den Scholls häufig zitiert. Hans sollte ihn am Ende sogar auf seine Zellenwand schreiben. Der Vater, Steuerberater in Ulm, machte aus seiner Verachtung für die Nationalsozialisten kein Hehl. 1942 wurde er zu vier Monaten Gefängnis verurteilt, weil er Hitler als „Geißel Gottes“ bezeichnet hatte.

Seine fünf Kinder begeisterten sich hingegen anfangs durchaus für den Diktator. Hans, damals 14, hängte 1933 eine Hitler-Radierung ins Kinderzimmer. Der Vater legte sie jeden Tag in eine Schublade, bis er irgendwann aufgab. „Inge schreibt gerade ein Märchenspiel für die Jungmädel: König Drosselbart. Ich freue mich, dass wir auf diese Art etwas tun können“, notiert Sophie Scholl Anfang 1938, mit 16. Inge, das ist die ältere Schwester, bringt es im „Bund Deutscher Mädel“ bis zu einem der höchsten Ämter in Ulm. Auch Sophie und Hans Scholl machen Karriere in der „Hitler-Jugend“. Der Bruch erfolgt Mitte 1938. Hans wird wegen „bündischer Umtriebe“ verhaftet, Sophie als Gruppenführerin abgesetzt. Als Ursache dafür nennt sie 1943 im Gestapo-Verhör „Differenzen mit der Obergauführerin“, fügt aber noch einen anderen Grund für ihre „Abneigung gegen die Bewegung“ hinzu: „Meiner Meinung nach wird die geistige Freiheit des Menschen in einer Weise beschränkt, die meinem inneren Wesen widerspricht.“

Beuys versucht, dieses „innere Wesen“ ihrer Heldin zu erkunden, und hat dafür unter den Dokumenten zur Weißen Rose im Münchner Institut für Zeitgeschichte reichhaltiges, teilweise noch unerschlossenes Material gefunden. „Ich will nicht oberflächlich werden“, schreibt Sophie in ihr Tagebuch. „Gerade-Sein“ ist eine Lebensmaxime. Als ihr Freund Fritz Hartnagel sie lobt, sie handle „instinktiv wie ein Mädchen“, widerspricht sie vehement. Auf das traditionelle Konzept von Weiblichkeit will sie sich nicht festlegen lassen. Sie trampt mit einer Freundin übers Land, schwärmt für Rilke und Paula Modersohn-Becker, liest Augustinus und ringt um den rechten Glauben. Später in München, wo sie ab 1942 Biologie und Philosophie studiert, wird Sophie Scholl dann, so Beuys, „stumm den Samowar bedienen“, wenn die Männer der Weißen Rose über die Flugblatttexte diskutieren. Sie träumt davon, einen Bauernhof zu führen, aber solange die Politik „so verworren und böse ist, ist es feige, sich von ihr abzuwenden“. Kein schlechtes Postulat.

– Barbara Beuys:

Sophie Scholl.

Biografie. Hanser, München 2010.

493 Seiten, 24,90 Euro.

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