Benjamin Stein : Wahrheit, wechsel dich

Zwei Ich-Erzähler, zwei Geschichten: Benjamin Stein schildert in seinem Roman "Die Leinwand" facettenreich das jüdische Leben.

Beginnen wir mit dem eher schlichten Amnon Zichroni. Das ist vermutlich die bessere Wahl. Bei dem vertrackteren Jan Wechsler gäbe es vielleicht eine Enttäuschung, gerade am Ende. Man könnte auch nach jedem der jeweils elf Kapitel von einem Plot in den anderen springen. Das klingt verwirrend – ist aber halb so schlimm. Benjamin Steins Roman „Die Leinwand“ lässt sich tatsächlich von zwei Seiten lesen.

Amnon Zichroni also wächst in einem orthodoxen Viertel von Jerusalem auf. Orthodox? Hier geht es derart ultraorthodox zu, dass Zichroni die Stadt nur beim hebräischen Namen Yerushalayim nennt. Auch sagt er Jeschiwa und Chavrusa, wenn er von seiner religiösen Ausbildung erzählt – was ein Glossar glücklicherweise erläutert. Orthodoxien sind allerdings oft restriktiv, was zur Folge hat, dass der junge Zichroni Familie und Stadt verlassen muss, als er bei der Lektüre des „Dorian Gray“ ertappt wird. Zichroni studiert in den USA und lässt sich dann als Psychoanalytiker in Zürich nieder.

Das Besondere an unserem Mann aber ist die Gabe, anderer Leute Erinnerungen nachzuerleben. Wenn nun einer jüdisch ist und mit dem Talent ausgestattet, unerhörte Erinnerungen zu beglaubigen, fehlt nur noch die Chiffre „Auschwitz“. Und sie kommt. Aber anders als gedacht. Zichroni lernt den Geigenbauer Minsky kennen, der ihm erzählt, er habe als Kind Auschwitz überlebt und sei über mehrere Waisenhäuser und ohne Erinnerungen an seine Identität in die Schweiz gelangt. Ermuntert durch Zichroni schreibt Minsky sein Leben auf. Das macht ihn zum Bestsellerautor. Bis, ja, bis der deutsche Journalist Jan Wechsler behauptet, Minsky stamme mitnichten aus Osteuropa und sei als Kind weder in Lagern noch in polnischen Waisenhäusern gewesen. Vielmehr komme, was ein DNA-Test beweist, sein Vater aus dem Schweizer Jura-Tal. Es geht also um Lügen und das „Geschäft mit dem Holocaust“. Das alles erinnert an Binjamin Wilkomirskis Buch „Bruchstücke“ von 1995. Hier hatte der Autor Daniel Ganzfried die Authentizität von Wilkomirskis Holocaust-Erinnerung bezweifelt und eine strategische Lüge unterstellt. Der Historiker Stefan Mächler sprach später von einer eher unbeabsichtigten, psychologisch erklärbaren Erinnerungsfälschung. Bei Stein jedenfalls wird Minsky binnen kurzem von der Presse vernichtet. Zichroni verliert seine Approbation und zieht sich nach Israel zurück.

Nun aber muss man Steins „Leinwand“ umdrehen, um die andere Seite, Jan Wechsler also, zu hören. Diese avantgardistisch anmutende Konstruktion hat nichts mit dem Aufbrechen eines linearen Leseparcours zu tun. Bei Stein geht es nur um zwei Perspektiven auf dieselbe Geschichte. Hinter der wilden Fassade lauert gesittetes, konventionelles Erzählen mit veritablen Page-Turner-Effekten.

Am Beginn seiner Version bekommt Jan Wechsler per Post einen Koffer nachgeliefert, den er nicht als seinen eigenen erkennen will. Wechsler lebt in München, ist Kleinverleger und Autor, dazu observanter Jude mit Ost-Berliner Wurzeln. Doch seine Geschichte ist von Anfang an eine Einübung in Relativismus. Konzepte wie Wahrheit sind Wechsler suspekt, aus seiner Schwierigkeit, zwischen Welt und Text zu unterscheiden, macht er keinen Hehl. Als er in besagtem Koffer ein Buch findet, in dem ein Autor namens Jan Wechsler die Geschichte Minskys als „Maskerade“ entlarvt, wird er stutzig. Als er versucht, die Existenz eines zweiten Jan Wechsler zu beweisen, gerät seine Welt aus den Fugen. Frau und Kinder verlassen ihn. Statt eines DDR-Personalausweises findet er die Bestätigung, eingebürgerter Schweizer zu sein. Wechsler muss damit rechnen, die Demontage Minskys mit einem Enthüllungsbuch ins Werk gesetzt und sich eine zweite, die DDR-Existenz zusammengelogen zu haben. Am Ende wird er bei der Einreise nach Israel verhaftet. Wechsler steht im Verdacht, am rätselhaften Verschwinden seines Gastgebers bei einer früheren Reise nicht unschuldig zu sein. Der Mann heißt Amnon Zichroni.

Wie die Dinge genau liegen, bleibt ungewiss. Beiden Ich-Erzählern gilt es zu misstrauen, beide haben besondere Erfahrungen mit der Konstruktion von Identität mittels Erinnerung. Noch komplexer wird die Sache, da man den falschen Jan Wechsler mit dem echten Benjamin Stein verwechseln könnte. Der ist gebürtiger Ost-Berliner des Jahrgangs 1970, hatte mit seinem ersten Roman „Das Alphabet des Juda Liva“ kaum Erfolg und lebt heute als Unternehmensberater, Kleinverleger und Blogger in München. Sein Wechsler zitiert jedenfalls authentische DDR-Erfahrungen. Etwa die, als junger Mann in die öffentliche Bibliothek der US-Botschaft in Ost-Berlin gelaufen zu sein, um einen begehrten Gedichtband zu lesen. Beim Verlassen der Botschaft aber hatten DDR-Polizisten ihn angehalten und seine Personalien aufgenommen. Die Szene ist glaubhaft, so was passierte in der DDR. Für derlei Grenzverletzungen zwischen diversen Textebenen oder Text und Welt kennt die Erzählforschung die Formulierung „Metalepse“. Was zwischen den verschiedenen Wechslers und Stein stattfindet, sind geradezu metaleptische Feste.

Weit aus dem Mainstream der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur aber katapultiert diesen Roman seine facettenreiche Beschreibung jüdischen Lebens: Was bedeutet es, im heutigen München Schabbat zu halten? Was hat es mit der Nichtexistenz jüdischen Lebens im ostdeutschen Sozialismus auf sich? Die DDR wollte vom Holocaust nichts wissen und diffamierte Israelis als „Nazis“. Wie jüdische Identität über- und ausgeblendet wurde, konnte man bisher nur selten, etwa bei Barbara Honigmann, lesen.

Die neue jüdische Kultur in der Bundesrepublik, von der zuletzt oft die Rede war, ist gewiss bunt. Sie bietet Platz für osteuropäische Einwanderer und Klezmer-Folklore, sie kennt nicht nur rituelles Dauermahnen und Berufspolemik. Dank Büchern wie „Leinwand“ könnte sie auch die Frage neu stellen, wie „deutsche Kultur“ sich künftig denken will.


Benjamin Stein:  Die Leinwand. Roman. Verlag C. H. Beck,  München 2010.  416 Seiten, 19,95 €.

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