Berliner Literatur : Nichts wie raus ins Grüne

Im 19. Jahrhundert entstanden die Villenkolonien wie Westend, Frohnau oder Lichterfelde vor den Toren Berlins. Ihnen widmet sich der Band „Berliner Villenleben“ mit 17 Texten von Historikern, Architekten und Soziologen.

Michael Zajonz
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Wohnst du noch oder lebst du schon? Die Grundlagen unseres modernen Kultes ums Wohnen wurden vor hundert Jahren gelegt.

„Ich bin mit Berlin versöhnt, seit ich draußen wohne“, gab der berühmte Theaterkritiker Alfred Kerr 1924 in der Jubiläumsausgabe der Anwohner-Zeitschrift „Grunewald-Echo“ zu Protokoll. Draußen, das war für Kerr und all die anderen Bildungs- und Wirtschaftsbürger im Berlin des Kaiserreichs und der Weimarer Republik eine Frage der Identität. Sie manifestierte sich in Haus und Garten in einer der Villenkolonien, die seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor den Toren der alten Residenzstadt entstanden waren.

Über den bürgerlichen Zug nach Westen, immer weiter weg von der stinkenden, lärmenden, ungesunden „steinernen Stadt“, und über die Fiktion vom Leben in der Natur ist viel geschrieben worden, nicht zuletzt von Julius Posener. Dem 1996 verstorbenen Nestor der Berliner Architekturgeschichte ist nun ein Essayband gewidmet, den der TU-Historiker und Chef des Centrums für Metropolenforschung Heinz Reif herausgegeben hat.

Gehaltvoll und gut lesbar

„Berliner Villenleben“ versammelt 17 Texte von ganz jungen und gestandenen Historikern, Kunstgeschichtlern, Architekten und Soziologen. Zu den Autoren zählen der ehemalige Chef der TU-Plansammlung Dieter Radicke, der Ku’damm- und Grunewald-Spezialist Karl-Heinz Metzger und der Denkmalpfleger Dietrich Worbs. Der gehaltvolle und gut lesbare Band, dem man von Verlagsseite allerdings ein Lektorat gewünscht hätte, beleuchtet neben konkreten Berliner Villenkolonien wie Westend, Frohnau oder Lichterfelde auch übergreifende Seiten der Villa in Suburbia: so den im späten 19. Jahrhundert neuen Typus des Immobilienspekulanten und Projektentwicklers; die Bedeutung des Nahverkehrs für Wertsteigerung und soziales Leben; oder Ausstattung und Haustechnik als Mittel zur Herstellung feiner Unterschiede.

Wohnst du noch oder lebst du schon? Die Grundlagen unseres modernen Kultes ums Wohnen wurden vor hundert Jahren gelegt. Gerade in Berlin, der damals neugierigsten und lebendigsten Metropole Europas. Ein kluges, aktuelles Buch.


- Heinz Reif (Hg.): Berliner Villenleben. Die Inszenierung bürgerlicher Wohnwelten am grünen Rand der Stadt um 1900. Gebr. Mann Verlag, Berlin. 400 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 39 Euro.


Heinz Reif (Hg.):

Berliner Villenleben. Die Inszenierung bürgerlicher Wohnwelten am grünen Rand der Stadt um 1900. Gebr. Mann Verlag, Berlin. 400 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 39 Euro

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