Berliner Literaturfestival : Im Dialekt des Regens

Zu Gast beim Berliner Literaturfestival: der australische Dichter Robert Gray. Das Titelgedicht von „Schwindendes Licht“ zeichnet das Porträt einer an Alzheimer erkrankten Frau, der Mutter des Dichters.

Volker Sielaff

Es gibt viel ungezähmte Natur in der Poesie des fünften Kontinents. Der 1945 in Port Macquarie geborene Australier Robert Gray, dem sein Landsmann Les Murray „allergenauestes Wahrnehmungsvermögen“ bescheinigte, stellt da keine Ausnahme dar. Seine Sprache, so sagt er, sei „ein Dialekt des Regens“. Die genaue und sinnliche Beschreibung der Dinge, auch der Natur-Dinge, steht im Zentrum seines Schreibens. Eindringlich stellt Gray die Welt der Fischer dar, die nichts als den „kreischenden Beifall der Möwen“ haben, wenn sie zurückkehren von „weit draußen auf der geisterhaft phosphoreszierenden / Ebene, inmitten des Gewimmels / ausschlüpfender Schlangeneier, oder vom tiefen / eisigen Matsch / des Mondlichts ...“

Zum ersten Mal kam Gray vor sechs Jahren nach Deutschland, um an einem von der Berliner Literaturwerkstatt initiierten Übersetzerprojekt teilzunehmen, bei dem australische und deutschsprachige Lyriker gegenseitig ihre Gedichte übersetzten. Eine Spur davon findet sich in der von Ivor Indyk bei DuMont herausgegebenen Anthologie „Hochzeit der Elemente – Zeitgenössische australische Dichtung“ (die gerade günstig bei Zweitausendeins zu haben ist). Vor zwei Jahren lud ihn dann das Internationale Literaturfestival ein.

Inzwischen gab es, von Joachim Sartorius übersetzt, im Verlag Thomas Reche (www.verlag-thomas-reche.de) den Band „Schwindendes Licht“. Nun ist Gray ein weiteres Mal zu Gast in Berlin, und dieses Mal sogar bis in den Oktober hinein: Er wird der erste Schriftsteller sein, der die Autorenresidenz des Hotel Bleibtreu bezieht. Seine Beobachtungen wird er in einem Blog festhalten (www.literaturraum.de).

Das Titelgedicht von „Schwindendes Licht“ zeichnet das Porträt einer an Alzheimer erkrankten Frau, der Mutter des Dichters. Gray lässt der alten Dame ihre Würde, ohne ihr Leiden zu beschönigen. Von zerbrechenden Synapsen ist die Rede, von der „besiegten Seele“ und davon, dass „Alles von deiner Mutter / hier, in deinen Armen ist“. Wenn es darauf ankomme, so sein Übersetzer Joachim Sartorius, sei Gray „auch drastischer Wirkungen fähig.“

Dass die Poesie ihre eigene Weise hat, in der Welt zu wirken, bezeugt das verschlüsselte Selbstporträt „Das Leben eines chinesischen Dichters“. Er habe die Herrschaft von sechs verschiedenen Kaisern überlebt, heißt es darin, aber auch: „Sein Leben war völlig ereignislos.“ Der Dichter habe jedoch eines Tages den Trost der Natur entdeckt, „ihre Lebhaftigkeit und ihre unausdenkbare Wirklichkeit“.

Ein Porträt seiner Eltern zeichnet Gray in der bislang nicht ins Deutsche übersetzten Familienbiografie „The Land I Came Through Last“ (Das Land, durch das ich zuletzt kam). Sein Credo lautet: „Jeder von uns ist eine Nadel, auf der ein Kosmos balanciert wird.“ Sehr angenehm ist, dass Gray über keine der von ihm beschriebenen Personen urteilt. Seinem Vater, einem Alkoholiker, kaufte die Familie eigens eine Farm an einem abgelegenen Ort an der Küste, wohin sie ihn schickte, wenn er sich wieder einmal ruiniert hatte, „unter der Bedingung, nicht in die Stadt zurückzukommen“. Kaum war er jedoch zurückgekehrt, schob man ihn wieder auf die Farm ab.

„Meine Gedichte drehen sich um das Erhabene im Alltäglichen“, sagte er einmal. „Ich war immer davon überzeugt, dass das tiefste Geheimnis – und wie auch immer es aufzulösen ist – sich nirgendwo anders finden lässt als gleich hier, auf der Oberfläche unseres Lebens.“ Davon kann man sich jetzt auch in Berlin überzeugen.

Gray liest heute, 12. 9., um 20 Uhr in der Autorenresidenz des Hotel Bleibtreu. In einem „Poetry Clip“ auf youtube.com gibt er Auskunft über seine dichterische Arbeit.

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