Besatzungszeit : Die Züge gingen pünktlich

Der Literaturkritiker Peter Demetz erinnert sich an das Prag der Jahre 1939 bis 1945.

Oliver Pfohlmann
Prag
Peter Demetz: "Mein Prag" -Foto: Promo

Herr Polak, hängen S' die Fahne raus, die Daitschn sind da.“ Mit diesen Worten, im März 1939 von einem Unbekannten vor der elterlichen Wohnung ausgerufen, begannen für Peter Demetz die Jahre der Okkupation. „Ich war sechzehn, fast siebzehn und neugierig auf Politik, Mädchen, Filme und Jazz (ungefähr in dieser Reihenfolge).“ Was der Einmarsch der Deutschen bedeutete, begriff der junge Demetz, den die Klassifikation der Zeit zum „Halbjuden“ stempelte, nur zu gut.

1998 erschien von dem Grandseigneur der Germanistik das Buch „Prag in Schwarz und Gold“. In ihm stellte Demetz dem „magischen Prag“ mit seinen Golems und finsteren Gassen das Bild einer vitalen europäischen Multikulti-Metropole entgegen, die ihre Blütezeit in der liberalen Masaryk-Republik der Zwischenkriegsära erlebte. Mit dem Band „Mein Prag. Erinnerungen 1939 bis 1945“ legt der Literaturkritiker nun die Fortsetzung vor: die kenntnisreiche und persönliche Geschichte seiner Heimatstadt und der Tschechoslowakei in finsterer Zeit.

Dabei verkörpert das ethnisch-religiöse Durch- und Miteinander in Prag niemand besser als Demetz selbst, der von Haus aus eben „nicht in einem der scharf abgegrenzten ethnischen Bataillone marschierte, wie sie den Schulbüchern so lieb und teuer sind“. Seine Eltern stammten von Einwanderern ab: der Vater von einer ladinischen Bauernfamilie aus Südtirol, die Mutter von böhmischen Juden, die vor dem Antisemitismus nach Prag geflohen waren. Die Familien misstrauten einander und standen der Liaison ablehnend gegenüber; „die eine Seite hatte Einwände gegen die Jüdin (mein Großvater benutzte einen stärkeren Ausdruck), die andere gegen den Goj, aber es half nichts“. Die Gedichte, die Hans Demetz allwöchentlich über den gemeinsamen Sonntagsausflug verfasste und im „Prager Tagblatt“ veröffentlichen ließ, dürfte die skeptischen Verwandten wenig beeindruckt haben. Dass die Ehe scheiterte, lag am allzu intensiven Interesse des Dramaturgen, der mit seinen Inszenierungen expressionistischer Stücke in Prag Theatergeschichte schrieb, für junge Schauspielerinnen. Die von der Mutter erwirkte Scheidung 1936/37 kam freilich zur Unzeit; mit ihr verlor Annie Demetz den Schutz, den die „Mischehe“ ihr geboten hätte.

Auch für die vielen Flüchtlinge in Prag, deutsche und österreichische Juden, Kommunisten und Sozialdemokraten, bedeutete der Einmarsch Hitlers eine Katastrophe. Die Stadt wurde zur Falle. Doch dass sie hier überhaupt Zuflucht finden konnten, ist für Demetz „ein weitgehend vergessenes Kapitel kultureller Solidarität von deutschen und tschechischen Intellektuellen“. In zahlreichen politischen und kulturgeschichtlichen Essays rekonstruiert Demetz wunderbar lebendig und elegant die Jahre von Besatzung und Holocaust in all ihren Facetten. Zwischen sie fügen sich seine fragmentarischen Memoiren, im Schriftsatz abgehoben: „Man kann sich schwer vorstellen, dass der Alltag in Prag anscheinend weiterging ... Die sprichwörtlichen Züge gingen pünktlich ..., die Menschen taten sich auf dem Schwarzmarkt um, aber sie lasen auch neue Lyrikbände, kauften eifrig Theaterkarten und gingen öfter ins Kino als vorher.“ Demetz beschreibt eine gedemütigte Nation, die verzweifelt um ihre Identität rang. Während Hitlers Handlanger die vollständige Assimilation des tschechischen Volkes (soweit „rassisch wertvoll“) planten, huldigten die Prager ihren Nationalmythen, flüchteten sich in historische Romane, Filme und Theaterstücke und erprobten die Möglichkeiten und Grenzen des passiven und aktiven Widerstands. Wohltuend differenziert sind Demetz’ Porträts der Akteure: etwa des tschechischen Präsidenten Emil Hácha, den die Geschichte als Kollaborateur verurteilte, der aber bei Demetz eher als tragische Figur erscheint. Oder des ersten „Reichsprotektors“ Konstantin Freiherr von Neurath, der sich als Diplomat alter Schule bereitwillig von Hitler missbrauchen ließ und für Demetz zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen ist.

Das war auch Demetz, als er sich im September 1941 ausgerechnet in Berlin aufhielt, als freiwilliger Fremdarbeiter für Siemens, beständig in der Angst, als Halbjude enttarnt zu werden. Als die Judenstern-Verordnung erfolgte, rief ihn der Vater, der auch nach der Scheidung der Familie beistand, umgehend nach Prag zurück. Dort fand Demetz zunächst Arbeit in einer Buchhandlung, knüpfte Kontakte zu Oppositionellen, organisierte illegale Lyrikabende und besorgte eine Anthologie verbotener Lyrik.

Hinter dem Ladentisch entwickelte Demetz schnell einen „ideologisch-kulturpolitischen Röntgenblick“, der darüber entschied, welchen Kundenwünschen er entsprechen konnte und welchen nicht. Er verliebte sich schließlich in eine junge sudetendeutsche Medizinstudentin, die nach einer Eichendorff-Ausgabe verlangte. Damit brachte er beide nicht nur in Gefahr, diese Liebe stürzte ihn auch in schwere Gewissensnöte, zumal, als sie bei ihm wegen eines an der Ostfront vermissten Freundes Trost suchte. Zu dieser Zeit hatte Demetz seine Mutter längst zum Sammelplatz geleiten müssen, der sie nach Theresienstadt brachte: „Im Lauf der Jahre habe ich oft und oft versucht, mir in Erinnerung zu rufen, was sie damals sagte und was ich sagte, aber es fällt mir nicht mehr viel ein, wenn überhaupt etwas; an die dunkelbraune Farbe des kompakten kleinen Koffers erinnere ich mich, an das mit wenig Grau durchsetzte Haar meiner Mutter.“

Die Nachricht von ihrem Tod erhielt Demetz, kurz bevor er selbst in einem „Halbjudenlager“ Zwangsarbeit verrichten musste, der Beginn einer Odyssee des Grauens. Inzwischen hatte die Gestapo von seinen Lyrikabenden erfahren; Demetz wurde verhaftet, vorübergehend nach Auschwitz deportiert, später in Brünn und Prag verhört und gefoltert. Nur mit viel Glück konnte er sich in der Rolle des naiven Literaturnarren retten. Nach der Machtübernahme der Kommunisten floh Demetz in den Westen und ging 1953 in die USA, wo er bis heute lebt.

Peter Demetz: Mein Prag. Erinnerungen 1939 bis 1945. Aus dem Englischen von Barbara Schaden. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2007. 400 Seiten, 24,90 €

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