''Bestattung eines Hundes'' : Wir tanzen im Viereck

Roadmovie, Kriminalstück, Selbsterfindung: Thomas Pletzingers Roman "Bestattung eines Hundes“ erzählt eine doppelte Geschichte.

Nicole Henneberg

Jede Generation muss ihre eigenen Liebesgeschichten erzählen: Mit diesem Max-Frisch-Motto beginnt Thomas Pletzingers Roman „Bestattung eines Hundes“, und Frischs radikal klare Stimme wird im Roman immer wieder hörbar, wenn die Figuren über ihre Gefühle sprechen. Gleichzeitig könnte Daniel Mandelkern, der Erzähler dieser Geschichte, ein Zwillingsbruder von Benjamin Kunkels Held in „Unentschlossen“ sein. Er weiß nicht, was er mit seinem Leben anfangen soll. Sicher ist für ihn nur, keine Entscheidungen treffen zu wollen. Die treffen andere. Seine Ehefrau zum Beispiel, die als Redakteurin einer Wochenzeitung gleichzeitig seine Chefin ist. Sie schickt ihn auf Recherchereise an den Luganer See, wo er mit einem medienscheuen Kinderbuchautor ein Interview führen soll. Mandelkern – in der Hirnphysiologie bezeichnet der Mandelkern das Zentrum für emotionale Bindungen, aber auch für Panikattacken – fährt überstürzt los, es sieht wie eine Flucht aus. Doch während seiner Recherchen vermischt sich seine Geschichte immer mehr mit der des wortkargen Autors, und er erfährt genauso viel über sich wie über ihn.

Die doppelte Geschichte, die Thomas Pletzinger in seinem Debütroman erzählt, ist schräg und witzig, aber auch zutiefst melancholisch. Es geht, neben Mandelkern, um das Liebestrio Svensson, Felix und Tuuli. Sie alle sind ein bisschen übergeschnappt: Mandelkern, der sein Ethnologiestudium abgebrochen hat, aber immer noch Malinowskis „Methode der teilnehmenden Beobachtung“ praktiziert; Svensson, der anstelle eines Kindes hingebungsvoll den dreibeinigen Hund Lula liebt; der unberechenbare Alkoholiker Felix und die kleine finnische Chirurgin Tuuli, die sich zwanghaft für die Zukunft interessiert. Unwahrscheinlich ist allerdings, dass ein eigenbrötlerischer Schriftsteller einen nervenden Journalisten in seinem Arbeitszimmer einquartieren würde, in dem ein Manuskriptkoffer mit seiner Lebensbeichte steht. Ihr Herzstück bildet eine Chaosliebesfahrt durch Brasilien, an die ein etwas klischeehaftes überinstrumentiertes New-York-Kapitel anschließt, das um den 11. September 2001 kreist. Svensson besteht zwar darauf, dass es hier allein um ein Liebesdrama gehe – aber das glaubt man dem Autor Pletzinger nicht.

Es war eigentlich eine Beziehung zu viert, die sie damals führten, denn der Hund war immer dabei. Er ist der unfreiwillige Seelentröster, obwohl er nur noch drei Beine hat. Kläglich humpelt er vor Mandelkerns Augen herum.

Am Ende hat Mandelkern viele Geschichten gesammelt und bringt doch kein Porträt zustande. Im Geist von Uwe Johnsons „Jahrestagen“ notiert er manisch jedes Detail. Wie der junge Nathan Zuckerman bei Philip Roth gräbt er sich Satz um Satz näher an sich heran. Um die Skandal-Story hinter dem erfolgreichen Kinderbuch zu finden, das unverkennbar ein Todestrauma abarbeitet, beschwört er seine literarischen Schutzheiligen und stellt fest, dass die Katze Erinnerung ein heimtückisches, Verwirrung stiftendes Geschöpf ist. Bis ihm klar wird, dass ihn nur überzeugendes Erzählen retten kann. Thomas Pletzinger, 1975 in Münster geboren, hat nach einem Amerikanistikstudium in Hamburg und Verlagsarbeit in New York das Leipziger Literaturinstitut besucht – vielleicht ist die manchmal geschraubt wirkende Konstruktion eine Studienaltlast. Überzeugend und leicht ist dagegen die offene Erzählweise, mit der die unterschiedlichen Versionen der Geschichte einander zu überbieten versuchen. Nicole Henneberg

Thomas Pletzinger: Bestattung eines Hundes. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008. 352 Seiten, 19,95 €.

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