Beziehungsratgeber : Gute Paare, schlechte Paare

Sind wir polygame Bonobos oder monogame Gorillas? Anleitungen zum Liebesglück: ein Streifzug durch das Dickicht der Beziehungsratgeber.

André Weikard

Die deutsche Medienöffentlichkeit hat sich ans Expertentum gewöhnt. Kaum gibt es ein neues Thema, treten im Fernsehen Spezialisten auf den Plan: Börsen-, Banken- oder Terrorismusexperten, Gammelfleischfachmänner oder Grippeforscherinnen. Hat jemand Schulden, Renovierungsbedarf oder nervige Kinder? Dann kommen die Supernannys, Superlehrer, die Schuldnerberater oder die Restauranttester. Ob die immer gleichen Tipps taugen, ist nicht so wichtig – Hauptsache, die Quote stimmt. Das gilt auch für den Buchmarkt und das einträgliche Segment der Beziehungsratgeber.

Wolfgang Schmidbauer, mit seiner wöchentlichen Liebeskolumne im „Zeit-Magazin“ so etwas wie die deutsche Carrie Bradshaw, lässt im Vorwort seines Helferbuches „Mobbing in der Liebe“ (Goldmann Verlag) den Warnhinweis abdrucken: „Die Ratschläge in diesem Buch wurden vom Autor und vom Verlag sorgfältig erwogen und geprüft, dennoch kann eine Garantie nicht übernommen werden.“ Bücher sind eben keine Medikamente. Und wenn es einer Zulassung bedurft hätte, ein Großteil der Ratgeberliteratur wäre illegal unterwegs.

Die Verlage publizieren reihenweise Anleitungen, nur die Leser sind schlecht beraten. Da werden Klassiker wie Jolan Changs „Tao der Liebe“ (Rowohlt) wieder aufgelegt, in denen der ideale Koitus beschrieben wird: zwanzig Minuten, tausend Stöße, sieben flach und einer tief. Da braucht man offenbar auch eine mathematische Begabung. In Dietlind Tornieporths „Die Perfekte Verführerin“ (Knaur) werden potenzielle Partner zu Versuchsobjekten der eigenen Manipulationskunst. Der Umgang mit dem anderen Geschlecht geriert sich als Machtspiel, mit der Absicht, Abhängigkeiten zu erzeugen. Man muss solchen Schund nicht lesen, um zu wissen, dass das Versprechen auf dem Cover, das Buch bringe bei, wie man „garantiert jeden Mann“ erobert, Unfug ist.

Victoria B. Robinson begreift immerhin, dass Liebe keine perfide Art der Kriegsführung ist, und führt „111 Gründe, Männer zu lieben“ (Schwarzkopf & Schwarzkopf) auf. Grund Nr. 88 weiß, dass „Männer sich auch mit ihren besten Freunden schlagen und sich danach wieder verstehen“, Nr. 64, dass sie sich für ihre Frauen „mit Idioten anlegen“. Gute Gründe, wenn man auf Kampfhähne steht. Wahrscheinlich lieben Männer ihre Frauen, weil die so hilflos sind und sich um den Haushalt kümmern. Das reicht aber nur zum Aufreger, wenn Eva Herman es sagt, ganz ohne die ratgeberübliche Ironie, mit der sich viel Schwachsinn tarnt, wenn er sich nicht mit angeblich unwiderlegbarem wissenschaftlichem Datenmaterial brüstet.

Die beiden Platzhirsche unter den Liebesexperten schubsen einander abwechselnd von Platz eins der Bestsellerliste Sachbuch – und sind auch inhaltlich Gegenspieler. Der eine, Eckart von Hirschhausen, der nicht auf den Namenszusatz Dr. med verzichten mag, posiert mit einem Ferkel für das Buchcover von „Glück kommt selten allein“ (Rowohlt) und kuriert Trennungsgeschädigte etwa mit dem schönen Ratschlag, man solle sich keine Fotos aus der gemeinsamen Vergangenheit anschauen, weil auf denen in der Regel nur die schönen Momente festgehalten seien. Soll man, wie Hirschhausen witzelnd vorschlägt, einen Streit tatsächlich unterbrechen, um einander erst mal wütend zu fotografieren?

Hirschhausens Empfehlung, sich im Fall einer Überfülle des Angebots zu verhalten wie im Restaurant, ist erst recht ein schlechter Witz: Man solle lieber irgendwas nehmen als zu viel nachdenken, sonste schmecke einem bald gar nichts mehr. Aber wollen wir wirklich irgendeinen Partner? Und fällt es einem nicht doch leichter, angebrannte Bratkartoffeln herunterzuwürgen, als den Ärger über einen Menschen hinunterzuschlucken, mit dem man einfach nicht zusammenpasst? Bei so viel guter Laune fühlt man sich nicht mehr ernst genommen.

Der andere Bestsellerexperte, Richard David Precht, nennt die Liebe „Ein unordentliches Gefühl“ (Goldmann) und räumt erst mal auf. Schluss mit der Vormundschaft der „evolutionären Psychologie“, die uns einreden will, dass wir um den Fernseher hocken, weil uns das Geflacker auf dem Bildschirm an Lagerfeueratmosphäre erinnert. Die Steinzeit sei nicht mehr als eine Projektionsfläche, die mit allerlei Bedeutungen bespielt werden könne, und der Versuch, unser Sexual- und Bindungsverhalten von Menschenaffen abzuleiten, werde schon deshalb zur „zoologischen Kaffeesatzleserei“, weil die polygam lebenden Bonobos und die streng monogam lebenden Gorillas den gleichen Verwandtschaftsgrad zu uns haben, wettert Precht.

Überhaupt gebe es kein Indiz dafür, dass die Gene unsere Partnerwahl bestimmen. Schließlich verliebe man sich nicht in den Hübschesten, Erfolgreichsten oder Gesündesten, sondern in denjenigen, von dem man glaubt, dass er zu einem passt, mit dem man Werte, Interessen und Hobbys teilt. Keine besonders effektive Strategie, die genetische Qualität des Nachwuchses zu verbessern.

Ja, sogar die biologische Verschiedenheit der Geschlechter zweifelt Precht an. Es sei ja richtig, dass Männer bei Tests zum räumlichen Vorstellungsvermögen nach wie vor besser abschneiden als Frauen. Aber der Unterschied schmelze von Studie zu Studie. Die Geschlechter nähern sich einander an, und das in einem Zeitraum von nicht einmal zwei Generationen, den niemand ernsthaft für eine genetische Variation verantwortlich machen könne. Precht redet sich über den populärwissenschaftlichen Blödsinn mit dem „erkenntnistheoretischen Stellenwert von Partywitzen“ in Rage. Die „westliche Kultur“ werde „unterwandert und indoktriniert“. Gut 150 Seiten lang macht er sich so Luft, bevor er seine eigene These formuliert: Die Liebe ist kein Vollstreckungsgehilfe unserer Sexualität und kein Brutpflegeprogramm, sondern „ein Nebenprodukt unserer emotionalen Intelligenz“.

So wie das Selbstbewusstsein des Menschen die Angst vor dem Tod und damit letztlich die Religion hervorbrachte, ist die Liebe in seinen Augen ein komplexes Interaktionsmuster: evolutionär entbehrlich, aber ein gedankliches Konstrukt. Dies erklärt der Alltagsphilosoph am Beispiel des Begriffs Heimweh. Um das zu empfinden, müsse der Betroffene einen Ort repräsentieren und einen Wunsch, dorthin zurückzukehren. Genauso sei die Liebe eine Bündelung von diffusen Empfindungen unter Zuhilfenahme kulturell geprägter Interpretationsmuster.

Von dem Psychologen Robert J. Sternberg übernimmt Precht das Bild von den Liebenden, die jeweils ihr eigenes Beziehungsdrehbuch im Kopf haben. Ob die Beziehung gelingt, hängt für ihn davon ab, ob Komödie, Abenteuerfilm oder Märchen miteinander zu versöhnen sind.

Das alles ist im Grunde nichts Neues, aber Prechts Streitschrift gegen den Kniefall vor dem Gen-Biologismus ist ein Befreiungsschlag. Er mündet in die Erkenntnis, dass die Liebe als letzte Utopie mit Heilserwartungen überfrachtet ist – und zugleich noch nie so leicht kündbar war wie heute. Conni Lubeks „Anleitung zum Entlieben“ (Ullstein) in Romanform steht für alle Zauderer bereit.

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