Biografie : Der Führer, Churchill und ich

"Hitlers Klavierspieler": Der britische Journalist Peter Conradi hat eine Biografie von Ernst "Putzi" Hanfstaengl geschrieben.

Stefan Berkholz

Er war einer der frühen Wegbereiter Adolf Hitlers. Man nannte ihn „Hitlers Spaßmacher“, seinen „Werbetrommler, Ghostwriter und Privatpianisten“, einen „Steigbügelhalter der Nazis“. Ernst Hanfstaengl war eine skurrile und zwiespältige Persönlichkeit, riesig gewachsen, eitel, exzentrisch. Hanfstaengl war Rassist, Antisemit und seit 1931 Auslandspressechef der NSDAP. Sein Traum und seine Lebenslüge waren es, Hitler zu mäßigen, ihm Umgangsformen beizubringen und dessen Politik zu befrieden. Doch Mitte der 30er Jahre fiel der 1887 geborene Hanfstaengl in Ungnade. Im Februar 1937 floh er Hals über Kopf in die Schweiz, dann nach Großbritannien. Im Zweiten Weltkrieg wurde Hanfstaengl von Roosevelt in der psychologischen Kriegführung der Alliierten eingesetzt. Eine schillernde Figur also, sicherlich reizvoll für einen Biografen. Was macht der Verfasser daraus?

Der britische Journalist Peter Conradi verlässt sich in seiner Studie vor allem auf die verschiedenen Selbstdarstellungen des Porträtierten. Er folgt allzu gläubig und weitgehend ohne Gegenstimmen den Schönschreibungen Hanfstaengls. Erst im letzten Viertel des Buches, wenn Conradi aus britischen und US-amerikanischen Staatsarchiven zitiert, ist eine Distanz hergestellt, die die Biografie glaubhaft wirken lässt. Doch den Kosenamen „Putzi“, den Hanfstaengl von Kindesbeinen an trug und der so völlig im Gegensatz zu seiner Figur und Psyche stand, behält der Biograf unbeirrt über die mehr als 400 Seiten bei. Eine eigenartige Annäherung an eine zwiespältige Persönlichkeit.

Conradi beginnt seine Biografie wie Hanfstaengl seine Erinnerungen: Die erste Begegnung mit Hitler im November 1922 war offenbar überwältigend und führte die beiden rasch zusammen. Der gebildete, großbürgerliche Hanfstaengl glaubte anfangs einen Kellner oder Friseurgehilfen vor sich, mokierte sich über die billig wirkende Kleidung. Doch kaum hatte Hitler zu reden begonnen, war Hanfstaengl in den Bann gezogen wie die schwitzende Menge im Münchner Brauhauskeller vor ihm. Der Kunsthistoriker Hanfstaengl stellte sich nach dem Auftritt Hitler vor, wechselte ein paar Worte mit ihm und wurde – bis zum Zerwürfnis mit Joseph Goebbels 1937 – einer der engsten Gefährten Hitlers.

Anfangs stützt sich Conradi allein auf Anekdoten und Wertungen aus den verschiedenen Memoirenbänden Hanfstaengls. Zum Beispiel übernimmt er ungefragt Hanfstaengls Einlassungen über eine angeblich verpasste Begegnung zwischen Winston Churchill und Hitler vom Frühjahr oder Sommer 1932 in München. Hitler gab sich unpässlich, Hanfstaengl behauptete, die Geschichte hätte womöglich eine andere Richtung genommen, wäre es zu dieser frühen Begegnung gekommen. Warum Conradi an dieser Stelle Churchills anderslautende Darstellung aus seinen Memoiren nicht erwähnt, bleibt sein Geheimnis.

Conradi behauptet auch, Hanfstaengls Büro sei „eine zivile Insel im Meer der Uniformen“ gewesen – eine Formulierung Hanfstaengls, die nicht bestätigt ist durch andere Stimmen. Überhaupt sind die Quellennachweise im gesamten Buch dürftig und erscheinen zufällig.

Peter Conradi hat kein Porträt verfasst, keine psychologische Studie, sondern im Wesentlichen die Nacherzählung der verschiedenen Selbstdarstellungen Hanfstaengls. Ein ganz launiger Zeitgenosse, dieser Hanfstaengl, denkt der Leser bis Seite 300 etwa, gebildet, gesellig, unterhaltsam, ein Gemütsmensch und Lebemann offenbar. Erst der Blick in britische und US-amerikanische Archive und die Erinnerungen ausländischer Beobachter lassen eine Person erkennen, die auch nach Kriegsende ein fanatischer Antikommunist und Antisemit blieb. Und je unsympathischer Hanfstaengl mit der Zeit wird, umso unpassender wirkt die durchgehende Nutzung des Kosenamens.

Dass Hanfstaengl nach 1945 straffrei ausging, hatte er vor allem seiner dreijährigen Arbeit für Roosevelt zu verdanken. Aber bis Kriegsende glaubte Hanfstaengl immer noch an einen Irrtum Hitlers und meinte, nicht ein früher Hofnarr der Nazis gewesen zu sein, sondern ein wichtiger, aber leider stillgelegter Berater, der die Weltgeschichte verändert hätte, wenn man ihn gelassen hätte.

Es ist bedauerlich, dass diese anschaulich verfasste und gut zu lesende Biografie eine solche Schlagseite bekommen hat. Ein seriöser Historiker hätte aus dem Material gewiss eine erhellende Studie über die Mechanismen des Nationalsozialismus machen können. Peter Conradi ist auf weiten Strecken der Faszination seiner Figur erlegen.

Peter Conradi: Hitlers Klavierspieler. Scherz, Frankfurt am Main 2007. 448 Seiten, 19,90 Euro.

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